Europa: Jede Fünfte Opfer der Gewalt des Ehemannes

19. Februar 2002, 17:54
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EU-MinisterInnen tagen zu "Gewalt gegen Frauen" in Spanien

Madrid - Auf der heute am Montag begonnenen EU-Ministerkonferenz über "Gewalt gegen Frauen" werden die europäischen MinisterInnen für Gleichberechtigung, Soziales und Arbeit in Santiago de Compostela mit erschreckenden Zahlen konfrontiert. "Jede fünfte Frau in der Europäischen Union musste unter der körperlichen Gewalt des Ehemannes leiden", stellte Spaniens Sozialminister Juan Carlos Aparicio im spanischen Nationalradio die jüngsten Untersuchungen vor. Aparicio will seinen EU-AmtskollegInnen auf dem zweitätigen Treffen im nordspanischen Santiago de Compostela einen gemeinsamen Plan zur Bekämpfung der steigenden Gewalt gegen Frauen vorschlagen.

Europaweit einheitliche Sensibilisierungskampagnen

"Wir müssen sowohl rechtlich verstärkt gegen die körperliche Gewalt gegen Frauen durch Ehepartner vorgehen als auch die Maßnahmen verbessern, um die Opfer der Gewalt besser schützen zu können", erklärte der spanische Sozialminister im Radio. Obwohl er vorerst nicht davon ausgeht, rechtliche Maßnahmen verabschieden zu können, die in allen EU-Mitgliedsstaaten Gültigkeit erlangen, möchte Aparicio zumindest europaweit einheitliche Sensibilisierungskampagnen zu diesem "schweren Problem" in die Wege leiten.

Spanien an Spitze der schwarzen Liste

Besonders Spanien wird bei dem gesellschaftlich oftmals unterdrückten Problem immer aufmerksamer, denn auf der Iberischen Halbinsel kommt es im europäischen Vergleich zu den meisten körperlichen Übergriffen von Männern auf ihre Ehepartnerinnen. Laut der jüngsten Untersuchung leidet jede dritte Spanierin unter der körperlichen Gewalt des Partners. Im vergangenen Jahr wurden nach Angaben der "Kommission zur Untersuchung von Frauenmisshandlung" 70 Spanierinnen von Ehemännern oder Lebensgefährten umgebracht. 24.000 Frauen zeigten ihre Gefährten wegen Misshandlung und Körperverletzung im Jahr 2001 an. Spanische Frauenorganisationen sprechen auf Grund der Dunkelziffer bereits von einem Anstieg um 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Opferhilfe

Die konservative Regierung von Ministerpräsident Jose María Aznar hat erst vor einigen Monaten 25 Millionen Euro in die Unterstützung von malträtierten Frauen investiert. "Das Geld wird neben der Unterhaltung von Frauenzentren und Rechtshilfen für die Opfer vor allem für den Schutz der Frauen während der Scheidungsphase verwendet. In dieser Zeit werden nämlich die schlimmsten Übergriffe verübt", erklärte Sozialminister Juan Carlos Aparicio.

Schweigen brechen

Zu dem von der Regierung ausgearbeiteten "Plan gegen häusliche Gewalt" gehört auch eine in ganz Spanien großangelegte Sensibilisierungskampagne, die Frauen aufruft, nicht länger zu schweigen und gegen ihre Ehemänner rechtliche Schritte einzuleiten. Es funktioniert: "Im Vergleich zum Vorjahr zeigen 20 Prozent mehr Frauen ihre Männer wegen Misshandlung an. Das ist positiv, weil somit ein vorher als 'privat' behandeltes Problem an die Öffentlichkeit getragen wird", erklärte jüngst der spanische Polizeidirektor Juan Cotino vor der parlamentarischen Aufklärungskommission für Frauenmisshandlung. Nun möchte Spanien während seiner halbjährigen EU-Ratspräsidentschaft seine Maßnahmenpläne gegen die Gewalt gegen Frauen auch den anderen EU-Mitgliedsstaaten vorschlagen.

Thema Frauenarbeitslosigkeit

Auch der Frauenarbeitslosigkeit haben die MinterInnen den Kampf angesagt. Spaniens Sozialminister Aparicio wies im Fernsehen darauf hin, dass die Gewalt gegen Frauen eng mit der Ungleichbehandlung in der Gesellschaft und im Beruf zusammenhänge. Deshalb wolle er verschiedene Initiativen vorlegen, wie man die hohe Frauenarbeitslosigkeit in der EU bekämpfen könne.

Wieder schlechte Noten für Gastgeberland

Spanien, das unter seiner EU-Ratspräsidentschaft einen speziellen Plan zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit unter Frauen vorlegen will, verzeichnet die höchste weibliche Arbeitslosenquote. Die Zahl der Frauenarbeitslosigkeit ist auf der Iberischen Halbinsel doppelt so hoch wie der europäische Durchschnitt. Während 9,3 Prozent der spanischen Männer auf der Straße stehen, müssen 18,4 Prozent der Spanierinnen Stempeln gehen. Noch schlimmer sieht es für die unter 25 Jahre alten Spanierinnen aus: 31,2 Prozent von ihnen sind arbeitslos, aber nur 20 Prozent ihrer männlichen Mitstreiter. Österreich verzeichnet mit einem Durchschnitt von 4,6 Prozent Arbeitslosigkeit unter den Frauen und 6,4 Prozent arbeitslosen Frauen unter 25 Jahren nach Holland, Irland und England eher gute Noten.

Für Österreich nimmt Frauenminister Herbert Haupt (F) an der Ministertagung in Santiago de Compostela teil. Bei der Tagung wird eine Studie der Madrider Universidad Complutense präsentiert.
(APA)

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