Ausgerechnet Curling

25. Februar 2002, 17:37
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W. war die Sache peinlich. Olympia, sagte er, ich schaue Olympia. Stundenlang. Schulterzucken am Tisch: Soll er doch schauen was er will. So lange W. dadurch nicht zum fahnenschwingenden Unmögling wird, ist das akzeptabel.

Nein nein, beteuerte W., keine Angst, er gehöre nicht zu denen, die sich Farbe ins gesicht schmieren, wenn der am Stockerl den selben Pass habe. Aber, gestand W., vielleicht sei seine Krankheit ohnehin schlimmer. Ich schaue Curling, sagte er. Die Stimme schwach, der Blick am Boden.

Der Themenführer

Aufatmen. Grinsen. Eine Stimme vom anderen Ende: Ich auch. Wahnsinn. Hauptspass. Besser als Eishockey. W. atmete auf. Wenige Minuten später war vom geknickten Ego nichts übrig: W. hatte den ersten Schritt gemacht. Und jetzt, wo sich nach und nach alle dazu bekannten, ebenfalls zuzuschauen, wenn erwachsene Menschen auf Knien übers Eis rutschen, einen Teekessel antauchen und mit kleinen Beslein Eis polieren, jetzt konnte W. doch mit Fug und Recht so etwas wie die Themenführerschaft in Sachen Curling für sich beanspruchen.

W. machte eine dramatische Pause. Er hatte noch etwas auf Lager. Bedeutenderes als Bekenntnisse, schon vor einem Jahr (Grippe) drei Tage lang die Curling-WM in Schweden (Norwegen? egal) live mitverfolgt zu haben. Er, erklärte W. mit würdevollem Pathos, curle bereits. Ok, nur am Rechner. Und auch nur mit einer Gratisversion eines der Spiele, die ihm der beste Freund des Menschen im Netz (also Google) verraten habe. Bis auf das Eis sei aber alles da: Schrubbgeräusche, kleine Besen, wundervolle Grafiken ...

Der Plan

Ergriffenheit. Und W. war nicht zu stoppen. Es sei doch ein Schande, dass Österreich keine Curling-Truppe nach Salt Lake City geschickt habe. Das müsse sich ändern. Den Anfang werde er machen. Ab Morgen werde er dafür sorgen, dass am Eistraum vor dem Rathaus nicht mehr nur deppert-rustikal Eisstock geschossen wird: Keine Atempause - Geschichte wird gemacht, schnaubte W. und schlug auf den Tisch. Es geht voran, fielen wir ein.

Das war vor dem Wochenende. Sonntagabend habe ich W. getroffen und gefragt, was er schon unternommen habe. W. schnaubte. Curling war gestern. Auf DSF habe er was besseres gesehen. Eine Sport-Show aus Japan. Profi-Völkerball. Staatsmeisterschaft oder so. W. war in Fahrt: Wir hätten doch alle in der Schule Völkerball gespielt. Sowas verlerne man nicht. In vier, höchstens acht, Jahren werde Völkerball olympische Disziplin sein. Dafür werde er kämpfen. Ab morgen.

NACHLESE
--> Fahrraddiebe
--> Der Leuchtturm
--> Luftgitarren-Weltmeisterschaft
--> Kleine grüne Türen
--> Lebensschule Supermarkt
--> Der Gorilla und der Putztrupp
--> Der Taubenverhafter
--> Nachweihnachts - Krawattenblues
--> Freude mit Pflanzen
--> Den Euro lieben lernen
--> In der Hundefalle
--> Weil: Hauszusteller sind ja nicht deppert
--> Weil nicht sein kann, was nicht sein darf
--> Nochmal Augustin
--> Der Euro ist deppert
--> Sitz- und andere Kulturleiden
--> Zu viel gescheit
--> Gasmasken
--> Vom Frühstück
--> “Der hygienische Handschuh”
--> “Tanzverbot”
--> “Tolle Bilder”
--> Die Erbin der Torte
--> Gasometer
--> Stirb, Sofie
--> Von Svihalek träumen
--> A.'s erste Bürgerinitiative
--> Nepals schlafende Hunde
--> Weitere Stadtgeschichten...

Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

Dienstags auf derStandard.at/ Panorama

Links

www.eieihome.net./ free-games/curling.html

www.fifty1.com

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