Peinliche Schmiere

18. Februar 2002, 19:13
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Ein Kommentar von Samo Kobenter

Ein Dutzend Kamerateams begleiteten Jörg Haider am Sonntag auf seinem schwersten Gang - vom Sitzungssaal, in der die Freiheitlichen angeblich über ihre Zukunft berieten, zum WC. Gottlob blieben sie außen vor, nachdem Haider sie mit einem nichts sagenden Witzchen über die anatomische Position des Kopfes von Peter Westenthaler abgefertigt hatte. Nicht auszudenken, Haider wäre der Scherz erst bei Verrichtung des Geschäftes eingefallen, das ihn aus dem Saal getrieben hatte.

Was die FPÖ als blutvolle Tragödie griechischen Stils angekündigt hatte, entwickelte sich so unter kräftiger Beihilfe der Medien zu einer Schmiere reinsten Wassers. Sie erreichte ihren Höhepunkt in der TV-Sendung "Betrifft", die an Skurrilität nicht mehr zu überbieten war. Auch hier kann der Zuseher von Glück sprechen, dass die FPÖ die freie Platzwahl, die ihr der ORF angeboten hatte, mit nur drei Vertretern nutzte - in größerem Rahmen wäre vielleicht der ganze Parteivorstand aufgetreten. So gesehen eine Verschwendung von Ressourcen: Bei geschickterer Koordination hätte man gleich die Krisensitzung übertragen und an den neuralgischen Stellen Gelächter oder Applaus zuschalten können. Aber vielleicht wird das ja noch, die FPÖ will ihre interne Kommunikation verbessern, und Peter Westenthaler wird viel Zeit haben.

Seit Jahren wickelt die FPÖ ihre Inszenierungen nach derselben, auf Quoten- und Auflagenerhöhung ausgerichteten Masche ab, und seit Jahren spielen wir alle mit. Wie anders ist der trotzige Stolz zu verstehen, mit dem der ORF auf die "Rekordzuseherzahl" für die Peinlichkeit verweist? Was haben die Zuseher denn gesehen, außer einer Gesellschaft, die nicht zu bändigen war, und einer feixenden Habererpartie? Das Wesentliche ist für die Kameras unsichtbar, den inneren Bruch in der FPÖ können sie nicht groß zoomen. Aber nach und nach kommt die Substanz zutage, die das zusammenhält - und die ist schmierig. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.2.2002)

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