"Heldenplatz, 19. Februar 2000": Jetzt endlich differenzieren – aber wie?

30. Juli 2004, 15:17
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Man spricht von Therapie und vermeidet Analyse

Wien - Doron Rabinovici ist heute noch gerührt, dass er an diesem historischen Abend einem solidarischen Taxifahrer nichts zahlen musste. Auch Ariel Muzicant und Willi Resetarits sind bewegt, wenn sie an damals denken. Barbara Coudenhove-Kalergi meint, dass bei dieser "riesigen Demonstration gegen die Regierung, aber für Österreich" mehr Menschen auf dem Heldenplatz waren als damals bei Hitler. Und nur Marlene Streeruwitz hält dem entgegen, dass in solchen Aufrechnungen eigentlich auch im Lager des selbst ernannten "Widerstands" ein imperialer Gestus erkennbar wird.

Foto: Votivkino.at

Großdemo am historischen Podest

"Heldenplatz, 19. Februar 2000": Schon der Titel dieser von Constantin Wulff zusammengestellten Videodokumentation rückt die damalige Großdemonstration gegen Schwarz-Blau auf ein historisches Podest. Allein: Im Rückblick wie im Umgang mit der Gegenwart "zu differenzieren ist schwer, aber notwendig", meint Resetarits einmal - und dafür schafft Wulff weder filmisch noch inhaltlich die geeigneten Bedingungen. Der Film ergeht sich bestenfalls in Ankündigungen von Themen, über die man jetzt nachdenken müsste: Zum Beispiel "Was heißt heute Widerstand?"

Unkommentierte Statements von zu wenig geforderten Gesprächspartnern

Dann aber in die Tiefe zu gehen, die von Streeruwitz zu Recht eingeforderte "Therapie" wirklich anzugehen: Dafür sind die einzelnen Gesprächspartner zu unangreifbar, zu sehr für sich und auf sich gestellt, und in weitgehend unkommentierten Statements auch zu wenig gefordert. Die Aktivistin Karina Korecky deutet immerhin Frustration darüber an, dass die gegenwärtige Misere von der Sozialdemokratie vorbereitet worden sei und dass dies zu wenig reflektiert werde. An diesem Punkt hätte man sie (wie auch Streeruwitz als die zweite interessante Argumentatorin) weiter ausholen lassen müssen. Oder doch auch Dialoge und Kontroversen, Irrtümer und Fehlleistungen einmontieren müssen.

Bebilderung von Vereinzelungen

So jedenfalls ist der "Heldenplatz"-Film bestenfalls eine Bebilderung von Vereinzelungen, die über ihre (zumindest hierzulande weitgehend bekannten) Positionen nicht hinausfinden. Und weiters ist das Material, das er liefert, selbst schon wieder historisch, weil die Interviews schon vor mehreren Monaten geführt wurden.

Ob dieser Eindruck unüberwindlicher Behäbigkeit, ja Lähmung, bezweckt war, ist zu bezweifeln. Symptomatisch für die heimische Lage ist er aber schon. Vielleicht kommen jedoch, wenn der Film ab Freitag täglich um 17.45 im Votivkino läuft, nachher im Foyer fruchtbarere Debatten in Gang.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 2. 2002)

Von
Claus Philipp

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