Die tanzbare Zukunft

19. Februar 2002, 11:57
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Pianist und Konzeptualist Bugge Wesseltoft brachte das "Porgy & Bess" zum Kochen

von Andreas Felber


Wien - Abgesehen von einer gewissen Großspurigkeit besitzt es auch etwas Menetekelhaftes: The Future Sound of Jazz, das Signet jener qualitätvollen Compilation-Reihe des Münchner Compost-Labels, deren kulinarische Elektronik-Tracks die indizierte Musik bestenfalls in problemlos verdaulichen Spurenelementen in sich trägt. Nein, das ist nicht die Zukunft des Jazz, sondern eine pessimistische Vision seiner zu Ende gegangenen Geschichte.

Der Jazz schlägt in Oslo zurück

Doch der Jazz schlägt zurück! Nicht in New York oder London, auch nicht in Paris und Berlin, sondern bezeichnenderweise an Europas Rand: in Oslo. Ein unscheinbarer junger Mann mit dicker Brille ist dafür verantwortlich. "Compost ist ein sehr starkes Label", meint Bugge Wesseltoft auf den Hinweis, dass seine Musik mittlerweile immer öfter selbst unter dem sich verselbstständigenden Future-Sound-Etikett firmiert.

"Interessant ist, dass diese Leute von der entgegengesetzten Seite kommen. Wir treffen uns in der Mitte dieses Mixes von Jazz und Elektronik: Sie kommen von der DJ-Seite und ich von der Jazzseite." Jazzer ist Wesseltoft, der 37-jährige Pianist, durch und durch. Jan Garbarek, Terje Rypdal, aber auch Billy Cobham zählten zu seinen Arbeitgebern, als er Mitte der 90er die Zeit für sein Solodebüt gekommen sah.

Improvisierte Soundscapes

Nach zweijähriger Arbeit wurde 1996 das Album mit dem unbescheidenen Namen New Conception of Jazz veröffentlicht - auf Wesseltofts Jazzland-Label. "Bis dahin folgte der meiste Jazz, den ich spielte, dem Schema Thema-Solo-Solo-Thema. Nun versuchte ich, Soundscapes zu improvisieren, mit Samples und Strukturen zu jonglieren wie in der Elektronik."

Die Gründung von Jazzland bedeutete nicht nur für ihn eine Initialzündung: Musiker aus der Osloer Szene fanden darin nun ebenfalls ein Ventil für ihre akustisch-elektronischen Experimente: Das vo Saxophonist Hakon Kornstad geleitete Quintett Wibutee, die Sidsel-Endresen-Schülerin Beate S. Lech alias Beady Belle. Und auch die 49-jährige Endresen selbst, seit 1994 Duopartnerin Wesseltofts.

Dance- und Dub-infizierter, minimalistischer Ambient-Jazz

Wie zuletzt auf Moving nachzuhören, entwickelte sich Wesseltofts eigene Jazz-"Conception" seit dem Debüt, einer etwas seltsamen, unfertigen Mixtur aus Bigband-Samples, einer u. a. mit Waldhorn bestückten Bläser-Section und hippen Grooves, hin zu einem Dance- und Dub-infizierten, minimalistischen Ambient-Jazz, dessen groovig unterfütterte Liveversionen dazu angetan sind, das Publikum im Sturm zu nehmen, wie er im Porgy & Bess bewies. Dichte, treibende Rhythmen-Tracks, in denen analoge Handarbeit und Schlagzeug, Bass und Perkussion mit Elektronik und Drum-Programming zu einem federnden, elastischen Ganzen verschmolzen, boten dem Pianisten die Basis, um mittels eingängiger, repetitiver Motiv-Zellen weite organische Spannungsbögen zu schlagen.

Und in schnittigen, an Hancock und Corea gemahnenden Linien auch Stoff für den lauschenden Genießer zu liefern. Nicht zufällig betont Wesseltoft in diesem Konzept seinen eigenen Background: "Ich wollte einen ,europäischeren' Touch in der Musik. Weshalb ich mich entschloss, nicht viel in Richtung Breakbeat und HipHop zu arbeiten. Ich orientierte mich eher an Kraftwerk, Tangerine Dream, Brian Eno. Schließlich bin ich ein weißer Typ aus Norwegen."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.02. 2002)

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