"Ich habe Sex nicht erfunden, leider ..."

18. Februar 2002, 20:01
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John Irving: einer, der den "Oscar" dem Literaturnobelpreis vorzieht, im STANDARD- Interview

Den "Oscar", den er für das Drehbuch zu "Gottes Werk und Teufels Beitrag" erhielt, zieht er dem Literaturnobelpreis vor. Und über seinen jüngsten Bestseller "Die vierte Hand" sagt der US-Romancier John Irving im Gespräch mit Bert Rebhandl: "Er ist weniger ehrgeizig."


Foto: Diogenes Verlag
John Irving über den
Erfolg von "Die vierte
Hand":"Um fair zu sein:
Ich habe damit ein
größeres Publikum, weil
ich es ihm leichter
gemacht habe."

Standard: "Die vierte Hand" ist ihr zehnter Roman. Er ist kürzer als gewohnt, und satirischer als ihre epischen Werke. Wie kommt das?

John Irving: Das ist eine Konsequenz der letzten fünfzehn Jahre meines Schreibens. Da gab es eine durchgehende Stimme seit "Gottes Werk und Teufels Beitrag". Es wurde weit ausgeholt, melancholisch erzählt, mit einem langsamen Schritt. Ich wollte also meine Sprache beschleunigen, näher herankommen an den komischen Ton der frühen Romane, weil ich es einfach lange nicht getan hatte. "Die vierte Hand" erzählt von einem Mann ohne Kindheit. Die Zeit ist nicht so wichtig.

Das Drehbuch zu "Gottes Werk und Teufels Beitrag" hat mich für diese Arbeit der Komprimierung gerüstet. Technisch und strukturell hatte ich ein neues Gefühl. Lasse Hallström nannte "Die vierte Hand" einen Post-Drehbuch-Roman. Daran stimmt etwas. Es hat aber auch einen tieferen Grund: Die Vorstellung von jemandem, der nur oberflächlich sein Leben ändern will, obwohl ein bedeutsamer Wechsel notwendig ist - das war meine zentrale Idee. Häufig behandeln wir ja heute Symptome statt Ursachen. Wir gehen ins Fitnessstudio und glauben, wir ändern unser Leben. Wir kurieren aber nur den Phantomschmerz.

Die Notwendigkeit, dass News mit Entertainment mithalten müssen, hat die Berichterstattung verschlechtert.

Foto: Diogenes Verlag

STANDARD: Die Satire richtet sich direkt auf das amerikanische Medienwesen: Einem TV-Journalisten wird vor laufender Kamera von einem Zirkuslöwen die Hand abgebissen ...

Irving: Ja, aber die Instinkte dieses Patrick Wallingford als Journalist sind sehr gut. Er weiß, dass es bessere Geschichten gibt als die, die er erzählen kann. Neuigkeiten sollten News sein, weil sie wichtig sind. Die Journalisten meines Alters erinnern sich an eine Zeit, als die Nachrichten noch nicht nach den Quoten ausgewählt wurden. Die Notwendigkeit, dass News mit Entertainment mithalten müssen, hat die Berichterstattung verschlechtert.

Freunde von mir haben aus Jugoslawien berichtet, sie haben an dem Mangel an Interesse in Amerika gelitten und wurden frühzeitig versetzt oder wieder nach Hause geholt, weil die Öffentlichkeit kein Interesse an diesem Thema hatte.

"Ich war immer politisch"

STANDARD: Seit dem 11. September gibt es in den USA ohnehin nur noch ein Thema.

Irving: Und dann sollen Schriftsteller zu häufig über Dinge sprechen, für die sie nicht zuständig sind. Das ärgert mich. Ich kann über das Schreiben sprechen, aber darüber werde ich selten gefragt. Ich werde gefragt, was ich über die amerikanische Politik denke. Natürlich habe ich eine Meinung, aber jeder hat eine Meinung. Ich bin enttäuscht, offen gesprochen, wie schnell viele meiner Kollegen mit einer Äußerung waren.

Ich war immer politisch, ich habe mich zum Sprecher der Befürworter des Rechts auf Abtreibung gemacht, ich war immer gegen den Krieg in Vietnam, ich war gegen Reagans Lateinamerika-Politik. In "Owen Meany" hat das eine Rolle gespielt. Aber alles, was ich gegenwärtig zu sagen habe, scheint mir zehn Jahre zu früh. Dieser fundamentale, religiöse Hass gegen den Westen ist nicht neu, er wurde nur einer amerikanischen Öffentlichkeit bewusst, die davon keinen Begriff hatte. Mir ist das nicht neu. Ich schreibe immer über Verluste - eines Kindes, der Eltern, eines Penisses, einer Hand. "9-11" hat diesen Antiamerikanismus sichtbar gemacht, aber es ist unklarer denn je, was man mit diesem Fundamentalismus tun soll. Bedenken Sie, ich habe mich immer gegen die religiöse Rechte in den USA ausgesprochen.

"Ich hingegen bin besser geeignet für die Oscars"

STANDARD: Ihr Freund Günter Grass hat mittlerweile den Nobelpreis bekommen. Hoffen Sie für sich selbst auch darauf?

Irving: Ob ich den Nobelpreis bekomme, interessiert mich weniger als die Öffentlichkeit. Ich habe Grass damals angerufen, und er war wirklich glücklich. Er klang wie ein Kind. Er hätte ihn auch früher bekommen müssen. Ich hingegen bin besser geeignet für die Oscars. Ich bin ein Erzähler, ich mache Unterhaltung, ich betrachte mich nicht als Künstler, und mit Sicherheit bin ich kein Intellektueller.

Jeder Roman und jedes Drehbuch sind für mich ein handwerkliches Problem. Es muss am Ende gut aussehen und funktionieren. Die Oscars sind auch der einzige Preis, den man von Menschen bekommen, die das Gleiche tun wie die Ausgezeichneten: Sie machen Filme. Das ist beim Nobelpreis anders. Die Academy, das sind 6000 Leute aus der Filmbranche. Da bin ich rettungslos demokratisch. Man kriegt, was man in der Demokratie kriegt: viele Irrtümer, aber eine gute Zeit.

STANDARD: Wie viel Autobiografie steckt in Ihren Büchern?

Irving: Flaubert hat gesagt, gegen seine eigene Praxis übrigens, dass das Leben eines Schriftstellers sehr gewöhnlich sein sollte, damit er frei ist für die Imagination. Ich führe ein sehr berechenbares Leben, damit ich in Ruhe acht, neun Stunden am Tag arbeiten kann. Das steht im Vordergrund. Wenn ich meine Kinder in Los Angeles und Colorado besuche, wird das lange im Voraus festgelegt. Das treibt die in den Wahnsinn.

Sex: "Ich kreiere das aber nicht aus meinem eigenen Leben"

STANDARD: Sex spielt in "Die vierte Hand", wie in all Ihren Büchern, eine entscheidende Rolle.

Irving: Ich habe Sex nicht erfunden, leider. In der modernen Welt hängt viel an Sex. Im Fall eines gut aussehenden Prominenten wie meines Helden ist Sex ein Problem, das er lösen muss. Die Öffentlichkeit spielt dabei auch noch mit, weil sie ihn beobachtet. Ich kreiere das aber nicht aus meinem eigenen Leben.

Sex ist der Teil unseres Lebens, der gelingen muss, damit wir glücklich sein können. Vor allem bis zu einem gewissen Alter ist dieser Bereich ganz zentral. Und Sex in meinen Romanen ist meistens unterminiert durch diesen Neuengland-Puritanismus, der suggeriert: Wenn es dir zu gut geht, wenn du es zu sehr genießt, dann Vorsicht! So hat sich Neuengland immer definiert: Sexueller Genuss bringt Leiden mit sich. In "Die vierte Hand" gibt es diese Konstellation auch: zuerst der Ehebruch Wallingfords und gleich darauf der Verlust der Hand.

Das neue Buch "ist nicht so komplex und schwierig"

STANDARD: Wie ist in den USA Ihr Verhältnis zu Publikum und Kritik?

Irving: Das neue Buch war sehr erfolgreich. Das hat seine Gründe: Es ist viel leichter zu lesen als meine letzten Romane. Es ist nicht so komplex und schwierig, die Zeitstruktur viel einfacher als beispielsweise in "Zirkuskind". Der schiere Umfang ist nicht so einschüchternd. Um fair zu sein: Ich habe ein größeres Publikum, weil ich es ihm leichter gemacht habe. Der Film "Gottes Werk und Teufels Beitrag" hat mich auch jüngeren Lesern bekannt gemacht.

Die Kritiken waren nicht berauschend, wie immer. Ich gelte als zu vulgär. Und je größer der Erfolg, desto skeptischer sind die Kritiker. Es gab auch die typischen, negativen Post-Oscar-Rezensionen. Das ist ganz normal. Aber dieses Buch ist einfach weniger ehrgeizig. Es ist leserfreundlich.

Lasse und ich sind immer einer Meinung

STANDARD: Lasse Hallström ist jetzt Ihr Hausregisseur geworden. Das neue Buch ist sogar ihm gewidmet.

Irving: Mit Lasse war es ganz einfach: Wir sind immer einer Meinung. Wir sind ungefähr gleich alt, wir führen ein öffentliches Leben, leben aber möglichst zurückgezogen. Wir lieben unsere Familien. Wir interessieren uns für Kinder. Lasse spricht immer von Komödien, die dann einen dunkleren Ton bekommen. Melancholisch, genau.

Ich erinnere mich an einen Dezembertag in Massachusetts, allen Kindern liefen die Nasen, und Lasse sagte zu mir: Ist heute nicht ein toller Tag? Wir haben eine gemeinsame Stimme. Sie klingt leicht an der Oberfläche, aber darunter ist sie verstörend. Wenn Lasse nicht die Verfilmung von "Die vierte Hand" machen würde, hätte ich kein Interesse, das Drehbuch zu schreiben. George Clooney spielt vielleicht die Hauptrolle.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.02. 2002)

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