Präsident Duhalde: "Für viele ein rechtloser Zustand"

18. Februar 2002, 20:03
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Als Präsident Fernando de la Rúa Ende Dezember zurücktrat, folgten ihm in nur 13 Tagen vier Staatschefs. Vor sechs Wochen übernahm der Peronist Eduardo Duhalde (60) das Amt.

STANDARD: Bei Ihrem Amtsantritt haben Sie mit gesagt, Argentinien befinde sich auf dem absoluten Tiefpunkt. In welcher Lage ist das Land jetzt?

Duhalde: In genau der gleichen. Es ist nicht nur die immer raschere Verarmung unserer Bevölkerung, sondern es gibt auch Anzeichen von Anarchie, Gewaltanwendung. Es ist ein rechtloser Zustand für sehr viele Menschen: Ungerechtigkeit im Arbeitsbereich, in der verarmten Bevölkerungsschicht, in Bereichen der Mittelschicht.

STANDARD: Wenn man durch Buenos Aires geht, hört man überall, dass die Menschen das Vertrauen in die Politiker verloren haben. Wie wollen Sie das ändern

Duhalde: Argentinien, das potenziell ein mächtiges Land ist, ist nicht aus natürlichen Gründen dort gelandet, wo wir uns heute befinden, sondern wegen Regierungen, die nie verstanden haben, dass Argentinien nur stark werden kann, wenn wir selber produzieren. Wir haben uns in giftige und alchemistische Finanztheorien versponnen, der gesamte industrielle Sektor hat dadurch immer mehr an Kraft verloren.

STANDARD: Sie haben den freien Wechselkurs eingeführt. Sind Sie zufrieden mit der Entwicklung?

Duhalde: Ja, es war risikoreich, aber unausweichlich. Wir sind sehr, sehr zufrieden, weil in der ersten Woche der Freigabe alle widerlegt wurden, die prophezeit hatten, dass der Dollar in die Höhe von vier Pesos schießen würde. Jetzt sind wir ohne Staatsintervention genau am Limit, das wir wünschten.

TANDARD: Welche Maßnahmen werden folgen?

Duhalde: Die einzige für Argentinien wichtige Maßnahme ist die Verteidigung der eigenen industriellen Produktion.

STANDARD: Glauben Sie, dass Sie die Unterstützung des IWF, der Weltbank und anderer internationaler Organisationen erhalten werden?

Duhalde: Ja. Wir wollen kein Geld, um alltägliche Kosten zu decken. Wir wünschen uns Hilfe, um den argentinischen Finanzsektor von Grund auf neu zu gestalten, damit wir den Dollarkurs von 1,40 oder 1,50 oder 1,60 halten können.

STANDARD: Bedeutet der Kollaps des Finanzsystems auch das Scheitern des Neoliberalismus?

Duhalde: Ich bin davon überzeugt. Argentinien hat über Jahre diesen falschen Weg verfolgt. Es sind praktisch keine großen nationalen Unternehmen übrig geblieben. Es war wirklich ein großer Fehler unserer Regierungen, sich so lange der Dollarbindung unterworfen zu haben.

STANDARD: Aber Sie waren Vizepräsident, als diese Maßnahme Anfang der 90er-Jahre eingeführt wurde.

Duhalde: Ich glaube, dass in jenem Moment diese Maßnahme richtig war. Es war eine Art Medikament, das uns von der Hyperinflation geheilt hat. Aber als wir gesund waren, haben wir mit dem gleichen Medikament weitergelebt und sind davon erneut krank geworden, es kam die Hyperrezession.

STANDARD: Wann wird sich die Wirtschaftslage wieder bessern?

Duhalde: Argentinien befindet sich seit vier Jahren in der Rezession. Experten sagen, dass der Gesundungsprozess genauso lange wie die Rezessionszeit dauert. (Alexandra Föderl-Schmidt, DER STANDARD, Printausgabe 19.2.2002)

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