Der Peso hält, aber der Zorn steigt

18. Februar 2002, 19:56
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Mit der Freigabe des Peso will Argentinien die Wirtschaftskrise in den Griff bekommen - die Menschen fühlen sich betrogen

Buenos Aires - Sie haben nicht nur meine Zukunft, sondern auch die meiner Kinder kaputtgemacht." Mit voller Wucht schlägt Rosa Medina mit einem Topfdeckel auf die Auslage einer Bank. Tränen der Wut laufen ihr übers Gesicht. Die gepflegte Frau ist Chefsekretärin in einer Anwaltskanzlei. Jahrelang hat sie ihr Erspartes zum Kreditinstitut gebracht. Um das Überleben der Banken zu gewährleisten, wurden auf Geheiß der Regierung die Dollars auf den Sparkonten zum Kurs von 1,40 in Pesos zwangsumgewandelt. Elf Jahre lang war der Kurs bei eins zu eins. Diese Abwertung bedeutet einen Verlust von gut einem Drittel.

Die Sparguthaben wurden außerdem eingefroren und sollen erst schrittweise in den nächsten Jahren wieder freigegeben werden. "Ob ich mein Geld jemals wiedersehe, weiß ich nicht. Wenn, dann sowieso nur einen Bruchteil", meint Medina. Flüsternd erzählt sie, dass sie rund 60.000 US-Dollar (69.000 Euro/949.000 S) auf der hohen Kante hatte. Damit wollte die geschiedene Frau ihren zwei halbwüchsigen Kindern ein Studium finanzieren. "Was anderes kann ich sowieso nicht tun", meint sie seufzend und reiht sich mit ihrem Topfdeckel wieder in die Schlange jener ein, die vor der Bank im Finanzviertel ihrem Ärger Luft machen.

Kein Kurssturz

Die zweite Schlange besteht aus Wartenden, die versuchen, Geld zu tauschen. Inzwischen darf jeder zumindest sein Gehalt vom Girokonto abheben, aber pro Person dürfen höchstens 200 Dollar umgetauscht werden. Seit einer Woche wird der Peso frei gehandelt. Der befürchtete Kurssturz blieb aus, der Peso pendelte sich bei rund 1,60 zum Dollar ein

Der Zorn der Bevölkerung richtet sich auch gegen die Politiker. Jeden Freitagabend versammeln sich Tausende auf der Plaza de Mayo vor dem Präsidentenpalast zu einer "Cacerolazo", um lautstark gegen die argentinische Krise zu demonstrieren: mit Trillerpfeifen, Löffeln, Kochgeschirr.

Hier finden sich Angehörige der Mittelklasse, die von der Abwertung der Sparguthaben besonders betroffen sind, neben Arbeitslosen. "Wir haben eine Arbeitslosigkeit von über 30 Prozent. Wer soll mich mit über 50 Jahren noch nehmen?", fragt Carlos Collazo, der vor kurzem als Busfahrer entlassen wurde. Er lauscht intensiv einem Evangelisten, der immer wieder der Menge zuruft, nur die Besinnung auf Gott verspreche Rettung.

Während die Demonstrationen auf der Plaza de Mayo trotz der Menschenmassen bisher ruhig verliefen, sind es Aktionen kleinerer radikaler Gruppen, die zur Sorge Anlass geben, dass die Proteste wieder gewalttätig werden könnten. Dutzende Demonstranten drangen am vergangenen Donnerstag in die Redaktion der Tageszeitung Clarín ein, um gegen die angeblich zu freundliche Berichterstattung über Präsident Eduardo Duhalde zu protestieren.

Täglich Blockaden

Im Rundfunk werden täglich Meldungen von Blockaden im ganzen Land durchgegeben. Mehrmals waren alle Zufahrten nach Buenos Aires gesperrt. Wer es wagt, sich den Blockierern zu nähern, werde mit Stöcken und Macheten vertrieben, wird in den stündlichen Radionachrichten gewarnt. Offen drohen einzelne Demonstranten mit einem erneuten 20. Dezember, als es mehr als 20 Tote bei Protestkundgebungen gab.

An diesem Tag musste Präsident Fernando de la Rúa mit dem Hubschrauber vom Dach des Präsidentenpalastes, der Casa Rosada, flüchten, weil Hunderttausende gegen ihn demonstrierten. Der jetzige Präsident ist nur selten in der Casa Rosada. Duhalde arbeitet lieber im "Dienstchalet" auf dem hermetisch abgeriegelten weiträumigen Gelände Los Olivos, weitab vom Zentrum. "Hier ist es ruhiger", so seine Begründung. Sicherheitshalber steht auch hier ein Hubschrauber startklar. (Alexandra Föderl-Schmidt, DER STANDARD, Printausgabe 19.2.2002)

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    "Nationalversammlung" der Straßenblockierer am Wochenende in Buenos Aires: Politik und Banken im Visier.

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