"Doping ist nicht zu verhindern", sagt Mediziner und Leistungssportler Jürgen Kern

25. Februar 2002, 14:14
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Rechtzeitig zu den olympischen Winterspielen in Salt Lake City präsentiert der Mediziner und Leistungssportler Dr. Jürgen Kern sein Buch "Das Dopingproblem". Wie sowohl Spitzen- als auch Freizeitsportler durch Doping ihre Gesundheit gefährden, erklärt Dr. Kern im Interview mit mymed.cc.

Das Interview führte Peter Seipel

mymed: Herr Dr. Kern, Ihr Buch "Das Dopingproblem" ist gleichzeitig mit dem Beginn der Olympischen Winterspiele in Salt Lake City in den Handel gekommen. Ein Zufall?

Kern: Keineswegs. Ohne einzelne Sportler konkret verdächtigen zu wollen, ist Doping sowohl in den alpinen als auch in den nordischen Wintersport-Disziplinen seit langem ein Thema. Bei der letzten Langlauf-WM wurde aus diesem Grund die halbe finnische Mannschaft gesperrt, und auch die Bobfahrer sorgen immer wieder für Schlagzeilen in diesem Zusammenhang. Grundsätzlich sind vor allem jene Sportler Doping-gefährdet, deren Disziplin große Ausdauer und Kraft verlangt. Einem Eiskunstläufer, bei dem es vor allem auf das technische Können ankommt, bringt Doping dagegen wenig.

mymed: Welche Substanzen werden heute zum Doping verwendet?

Kern: Für hohe Ausdauerleistungen wird gerne Erythropoetin, abgekürzt EPO, genommen. Das ist ein Protein, das die Bildung der roten Blutkörperchen stimuliert und damit die Sauerstoff-Transportfähigkeit des Blutes erhöht. Der Effekt ist deutlich, denn die Ausdauerleistung steigt dadurch um fünf bis zehn Prozent. Drei Wochen nachdem sich ein Sportler EPO subkutan injiziert hat, tritt die Wirkung ein. Der Nachweis ist sehr kompliziert, ist aber seit kurzem technisch machbar, und seit heuer lässt sich ein Doping mit EPO feststellen.

mymed: Kann es bei der Einnahme von EPO zu unerwünschten Nebenwirkungen kommen?

Kern: Zuviel EPO kann zu einer vorzeitigen Blutgerinnung führen, die lebensbedrohlich sein kann. Das Blut ist stärker mit Sauerstoff gesättigt, daher schlägt das Herz langsamer und das Blut neigt zur Gerinnung. Es gibt Sportler, die haben während des Schlafes eine Pulsuhr umgeschnallt und diese mit einem Wecker gekoppelt. Schlägt das Herz seltener als 40 Mal pro Minute, läutet der Wecker und der Sportler muss aufstehen, um seinen Kreislauf wieder anzukurbeln.

mymed: Welche anderen Substanzen sind im Doping heute gebräuchlich?

Kern: Es wird meistens eine Kombination verschiedener Substanzen genommen, die ein intensiveres Training ermöglichen, denn der Fleiß des Sportlers bleibt ja meistens gleich. In der Trainingsphase werden gerne Anabolika genommen, allerdings weniger für den Muskelaufbau, sondern in einer niedrigeren Dosierung zur Beschleunigung der Regeneration. Zur Senkung des Körperfettanteils werden oft Wachstumshormone eingesetzt. Sie stimulieren die Eiweißsynthese und beschleunigen ebenfalls die Regeneration. Ein geschultes Auge kann erkennen, ob ein Sportler Wachstumshormone genommen hat. Als Nebeneffekt wachsen nicht nur Finger und Zehen, sondern auch die Augenwülste und das Kinn. Wachstumshormone werden in der Medizin nur zur Behandlung von äußerst seltenen Wachstumsstörungen eingesetzt. Vergleicht man diesen Bedarf mit den tatsächlich gehandelten Mengen, liegt der Verdacht nahe, dass 90 Prozent der Produktion von Sportlern verwendet wird.

mymed: Mit welchen Substanzen wird direkt bei Wettkämpfen gedopt?

Kern: Sehr beliebt sind derzeit Asthma-Sprays, die eine Erweiterung der Bronchien bewirken und einen leichten anabolen Effekt haben. Bestimmte Asthmamedikamente, die keinen großen Doping-Effekt haben, sind Sportlern erlaubt, die tatsächlich einer Therapie bedürfen. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass bereits jeder zweite Spitzensportler an Anstrengungsasthma leidet. Zur Verbesserung des Sauerstofftransportes im Blut wird seit kurzem Oxyglobin verwendet, ein Medikament aus Rinderproteinen, das für die Intensivmedizin entwickelt wurde. Eine ähnliche Wirkung hat das Medikament Hemopur, das eigentlich zur Behandlung von Anämie bei Hunden verwendet wird. Viele dieser neuen Substanzen sind noch nicht ausreichend klinisch getestet. Die Sportler gehen damit ein großes gesundheitliches Risiko ein und sind damit gleichzeitig Täter und Opfer.

mymed: Wo liegen die größten gesundheitlichen Gefahren beim Doping?

Kern: Am meisten gefährdet sind aufstrebende Jugendsportler, die den Sprung in die A-Liga schaffen wollen. Für Sie ist das Gesundheitsrisiko noch größer als bei Spitzensportlern, da Sie nicht einer derartigen engmaschigen medizinischen Kontrolle unterliegen. Da wird gedopt auf Teufel komm raus, weil auch die Kontrollen bei den Qualifikationswettkämpfen vergleichsweise locker sind.

mymed: Wären schärfere Dopingkontrollen die Lösung des Problems?

Kern: Das Problem ist, dass die Hersteller und Anwender von Dopingmitteln wesentlich höhere Budgets zur Verfügung haben als die Kontroll-Instanzen. Das ist ein ewiges Katz und Mausspiel. Kommt eine neue Substanz ins Spiel, dauert es bis zu ihrem Verbot zwischen zwei und zehn Jahren. In dieser Zeit wird das Mittel von vielen Sportlern routinemäßig verwendet. Das Dopingproblem ist also gar nicht in den Griff zu bekommen.

mymed: Was riskiert ein ehrgeiziger Hobbysportler, der sich im Fitnessstudio mit Kraftpulvern unklarer Herkunft dopt?

Kern: Unter Hobbysportlern sind vor allem Anabolika sehr verbreitet, die einen relativ raschen Muskelzuwachs bewirken, gleichzeitig aber den körpereigenen Hormonhaushalt gründlich durcheinander bringen. Die möglichen Folgen reichen von einer Atrophie des Hodens bis zu verschiedenen Formen von Tumoren. Der Muskelzuwachs des Herzens bringt auch die Gefahr mit sich, dass die Blutversorgung mit den Anforderungen nicht mithalten kann und daraus Herzschädigungen resultieren. Auch Wachstumshormone werden gerne unter der Fitness-Theke gehandelt. Für medizinische Zwecke werden diese Substanzen gentechnisch hergestellt und sind dementsprechend teuer. Billiger ist es, sie aus Gehirnen von Leichen zu gewinnen, wie es in manchen Oststaaten noch Praxis ist. Diese Wirkstoffe werden illegal importiert und gehandelt. Ein Sportler, der so etwas nimmt, riskiert seinem Körper durch die Verabreichung von Fremdeiweiß zu schaden. In Zeiten von BSE und Prionenerkrankungen hätte das womöglich nicht geahnte Foglen.

mymed: Herr Doktor, wir danken für das Gespräch!



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