Die Mauer auf den Zungen

18. Februar 2002, 12:12
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Zwölf Jahre wiedervereinigt reden Ossis und Wessis noch immer aneinander vorbei - und die Gleichgültigkeit wächst

Frankfurt/Main - "Schauen Sie bei Gelegenheit doch mal rein!" - Was für den einen nicht mehr als eine höfliche Floskel ist, bedeutet für den anderen eine ernst gemeinte Einladung. Nach Ansicht des Berliner Theologen und Psychologen Olaf Georg Klein offenbart der Satz vor allem eins: Ost- und Westdeutsche reden bei gleichem Sprachgebrauch oft aneinander vorbei. Die Sprache trenne die Menschen auch zwölf Jahre nach der Wende mehr als viele andere Probleme, die sich in 40 Jahren unterschiedlicher Gesellschaftskultur herausgebildet haben.

"Kommunikationsschock"

In seinem Buch "Ihr könnt uns einfach nicht verstehen!" spricht Klein sogar von einem Kommunikationsschock. Dabei geht es dem Autor nicht um die viel zitierten und mitunter kuriosen ostdeutschen Wortschöpfungen wie "geflügelte Jahresendfiguren" (DDR-Deutsch für Engel) oder "Sättigungsbeilage" und auch nicht um die Anglizismen im westdeutschen Sprachgebrauch. Die unterschiedlichen Kommunikationsstrukturen sind seiner Ansicht nach auch von Sprechtempo, Länge der Pausen, dem räumliche Abstand zwischen den Partnern oder der Intensität des Blickkontakts gekennzeichnet.

Diese sind für Laien schwer auszumachen und führen nicht nur oft zu Irritationen, sondern gar zu Aggression und Ablehnung des Gegenübers, meint Klein. Die Liste der Missverständnisse ist lang. Eigene Vorstellungen von Höflichkeit, Nähe, Distanz, von der Rolle der Frau und vieles mehr erschwerten unbewusst den Umgang der Deutschen miteinander, meint der Autor. Die gleiche Sprache vereint nicht etwa das Volk, sondern trennt es, schlussfolgert Klein.

"Übereinstimmungsphantasien"

Beweise seien die im Laufe der Jahre entstandenen hartnäckigen Vorurteile auf beiden Seiten. Der Ostler ist faul, unselbstständig, undankbar und nicht belastbar. Er zeigt keine Eigeninitiative und ist autoritätshörig. Der Westler hingegen ist angeberisch, fassadenhaft, redet nur von sich selbst, zeigt keine Schwächen, übertreibt gern, reduziert das Leben auf Ökonomie.

Dieser Entwicklung sind "Übereinstimmungsphantasien" vorausgegangen, meint der Psychologe. "Wir sind ein Volk", hieß es im Osten, es gebe keine Unterschiede im Verstehen und Verständnis. Die Maxime des Westlers lautete hingegen: "Endlich, Brüder und Schwestern, seid ihr frei!" Unterschiede wurden beiderseits am Anfang nur in der Ökonomie gesehen.

Gleichgültigkeit

In zehn Kapiteln analysiert der Verfasser die Klippen der deutsch-deutschen Kommunikation und meint, dass sich die Probleme nicht von selbst auswachsen. Das werde durch eine inzwischen um sich greifende Gleichgültigkeit auf beiden Seiten verhindert. Der entlässt den Leser jedoch nicht ohne eine Reihe von Hinweisen, wie dieser Ost-West- Konflikt gelöst werden könnte. Unterschiede akzeptieren? Ja, aber nicht stillschweigend. Dem anderen entgegenkommen? Ja, aber nicht bedingungslos. "Sprechen Sie einfach zweisprachig deutsch", schreibt Klein. (APA/dpa)

Olaf Georg Klein: "Ihr könnt uns einfach nicht verstehen! Warum Ost- und Westdeutsche aneinander vorbeireden"

Eichborn Verlag, Frankfurt/M., 180 S., Euro 14,90
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