"Die Zunge verwelkt, wenn man sie nicht gebraucht."

18. Februar 2002, 11:58
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Astrid Lindgrens Gedanken und Weisheiten - einmal nicht aus dem Mund von Pippi & Co. - versammelt in einem neuen kleinen Band

Hamburg - Ihre Geschichten von Pippi, Karlsson, Michel und Ronja kennen die Kinder dieser Welt. Ihre Gedanken, Erinnerungen und Einfälle lernen Erwachsene mit Astrid Lindgrens "Steine auf dem Küchenbord" kennen - einem kleinen Bändchen, dass der Oetinger Verlag in Gedenken an die im Jänner mit 94 Jahren gestorbene weltberühmte Autorin zusammengestellt hat. Aus Büchern, Interviews, Reden und Tagebuchaufzeichnungen finden sich darin eindrucksvolle Sätze und Lebensweisheiten Lindgrens. Die Mutter aller Kinder regt damit auch nach ihrem Tod zum Schmunzeln, Weiterlesen und vor allem zum Nachdenken an.

Nichts hineinprügeln, aber herausstreicheln

"Ich glaube, dass Erziehung Liebe zum Ziel haben muss, Zuneigung. Liebe kann man lernen. Und niemand lernt besser als Kinder. Wenn Kinder ohne Liebe aufwachsen, darf man sich nicht wundern, wenn sie selber lieblos werden", erklärte die Schwedin 1978 in einem Interview des Magazins "Stern". Vielleicht waren es die Erfahrungen mit dem eigenen Nachwuchs oder die Zuneigung der Millionen kleinen Leser, die sie zu dem Satz: "Man kann in Kinder nichts hineinprügeln, aber man kann vieles aus ihnen herausstreicheln", veranlasste.

"Ich las morgens, mittags und abends."

Das 88 Seiten schmale Buch bringt die Gedankenwelt jener Frau, die mit ihrer Fantasie Millionen Menschen von einer besseren Welt mit zum Teil sonderbaren, aber glücklichen Kindern erzählte, dem Leser noch ein Stück näher. Die "Steine auf dem Küchenbord" zeigen die Mutter der rothaarigen Pippi als Kind: "Ich las morgens, mittags und abends. Ich las einfach alles, was mir vor die Augen kam. Ich verschlang Bücher. Es ist doch auch fantastisch, dass es für ein Kind so viele Wörter zu entdecken und zu lernen gibt!" Die erwachsene Astrid Lindgren versteckt sich in dem Satz: "Man muss leben, damit man sich mit dem Tod anfreundet... glaube ich, trallala."

Stillstehende Welt

Die Trägerin des Alternativen Nobelpreises (1994) und des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels (1978) setzte sich nach dem Ende ihrer schriftstellerischen Arbeit Anfang der 90er Jahre öffentlich immer wieder für die Rechte von Kindern ein. "Ich glaube sowieso, wenn die jungen Menschen auf alles hören würden, was die älteren ihnen sagen, würde jede Entwicklung aufhören und die Welt stillstehen."

"Toleranz gegenüber menschlichem Wahnsinn"

Astrid Lindgren - die von sich selbst behauptete, "eine Botschaft habe ich nicht. Aber ich möchte gerne eine allgemeine Toleranz gegenüber menschlichem Wahnsinn verbreiten" - bleibt die alte Dame, der man glaubt, wenn sie über Kinder und das Leben mit ihnen erzählt. Selbst dann, wenn sie Pippi sagen lässt: "Ich will euch nur sagen, dass es gefährlich ist, zu lange zu schweigen. Die Zunge verwelkt, wenn man sie nicht gebraucht." (APA/dpa)

Astrid Lindgren:
"Steine auf dem Küchenbord"
Gedanken, Erinnerungen, Einfälle gesammelt von Elisabeth Hohmeister, Angelika Kutsch und Margareta Strömstedt
Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg, 88 S.
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