Der blaue Pate

17. Februar 2002, 21:24
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Die Familienszenen in der FPÖ und die uralten Muster, denen sie gehorchen - Ein Kommentar Von Gerfried Sperl

In der eigenen Familie hat man ihn falsch eingeschätzt. Einer der Söhne, Struwwelpeter, kritisiert ihn massiv. Rennt, nach tagelangem Versteckspiel, zum Firmenpartner, um seinen Vater auszurichten. Nicht einmal beim Opernball habe der Bub die Zivilcourage gehabt, ihm alles offen ins Gesicht zu sagen.

Da platzt ihm, dem Stifter alles Blauen, natürlich der Kragen, er zieht den braunen Trachtenjanker an und tritt vor die Öffentlichkeit: Ich werfe alles weg, ich verlasse euch, es gibt kein Zurück. Und untermauert das mit einem Kärntner Sprichwort: Wer etwas wegwirft, klaubt es nicht mehr auf.

Außer der Pate selbst. Denn für ihn gelten weder Sprichwörter noch Versprechungen. Das weiß die Tochter, der er vor bald zwei Jahren die Prokura überlassen hat. Sie bricht ihre USA-Reise ab, lässt aus der Ferne bereits verkünden: Vater, lieber Vater, sei bitte nicht böse. Alle halten wir zu dir. Wer dich kritisiert, ist verachtenswert. Wenn ich nur schon zurück wäre, um für Ordnung sorgen zu können.

Das Familienoberhaupt ist gerührt. Je schwieriger Kinder seien, desto mehr liebe man sie. Er werde daher alles wieder überdenken. Doch er verlange Geschlossenheit. Was die Angst in der Familie verstärkt. Denn der Vater hat sich schon mehrmals diese Liebe aus dem Herzen gerissen und, so weh es ihm tat, einen Sohn verstoßen.

Als ihn die ältere Tochter verließ, da war er wochenlang untröstlich, konnte sich kaum erholen, aber nicht ohne ihr vor laufenden Kameras zu bedeuten: Du hast mich verraten. Gut, er ist normalerweise milde. Allen kürzt er das Taschengeld, wenn er das für nötig hält. Aber beinhart, wenn jemand seine Stellung bedroht. Die Sanktionen können bis zur Enterbung gehen. Er setzt das auch durch, weil er im erweiterten Familienrat die klare Mehrheit hat.

Auch wenn es nicht immer so war: In der anderen Familie, deren Boss das gemeinsame Unternehmen führt, geht es derzeit vergleichsweise ruhig zu. Alle akzeptieren, wenn manchmal auch nur widerwillig, das Familienoberhaupt. Aber im Unterschied zu der blauen Familie ist es die schwarze gewöhnt, die Macht mit Brüdern und Schwestern teilen zu müssen. Der blaue Pate duldet das nicht. Er kennt nur die Alleinherrschaft.

Und bringt allein dadurch Sand ins Getriebe. Er ändert seine Meinungen von einem auf den anderen Tag. Achtet aber ganz genau auf die von ihm verordneten Tischsitten. Er beschimpft andere Familienväter auf gröbste Weise, verbittet sich aber jede Kritik an ihm selbst. Er lässt jeden Anstand vermissen, mahnt ihn sich selbst gegenüber jedoch ein. Kommt einer nicht zum Mittagessen, ist er empört. Setzt sich einer aus der Familie anders, ist er gekränkt. Auf wiederholte Meinungsdifferenzen antwortet er mit Liebesentzug. Immerhin täuscht er keinen Herzanfall vor. Aber im Fernsehen wirkt er dann, wie zuletzt am Freitag, angegriffen und müde. Man glaubt ihm den angekündigten Rückzug beinahe.

Doch sein uraltes Familienbild, auch erwachsene Töchter und Söhne noch wie Kinder zu behandeln, wird immer weniger akzeptiert. Immer seltener gelingt es ihm, Schuldgefühle zu erzeugen, die tief genug sitzen.

Eine Familientherapie lehnt er ab. Schließlich weiß man ja, woher in Österreich, besonders in Wien, jene Theorien stammen, von denen es in der Psychologie und in der Psychotherapie nur so wimmelt. Doch ein Muster, das anerkennt er, ist der Vatermord. Dessen verdächtigt er den Struwwelpeter, auch wenn er ihn - noch - liebt. Es geht um die Ablösung des Alten (Haider) durch das Neue (Grasser?), dem sich Struwwelpeter alias Westenthaler neuerdings zugetan fühlt. Dahinter steckt der Versuch des Nachweises, der Modernere, der eigentliche Reformator zu sein. Genau das aber versteht der Pate als Kampfansage und organisiert den Widerstand.

Einer gelenkten Aussprache, einer Partnerorientierung, diesen neueren Methoden der Konfliktlösung kann er nichts abgewinnen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.2.2002)

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