Das konsenstaugliche Vorspiel

19. Februar 2002, 12:37
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Das Gotan Project gastierte mit seiner Tango-Version bei Ruhepuls im Wiener WUK

Wien - Wenn auf einem Konzert Filmchen abgespielt werden, ist meist Skepsis angebracht. Denn das Auftauchen von Visuals, wie man im modernen Fachsprech sagt, will und soll nicht selten davon ablenken, dass die eigentlich auf der Bühne zu Werke schreitenden Akteure nicht allzu viel zu bieten haben.

Im Falle des argentinisch-französischen Gotan Projects, erwies sich derlei Misstrauen als gerechtfertigt. Insgesamt sechs Mann und eine Frau hoch widmeten sich die Gotaner am Samstag im Wiener WUK der Liveumsetzung ihrer CD La Revancha Del Tango, mit der sie zurzeit weltweit reüssieren - verkaufstechnisch gesprochen. Dabei kam man sich in der ersten Hälfte der Show wie ein Zeuge eines nicht enden wollenden Vorspieles vor.

Hinter einer transparenten Leinwand, auf die die rotbeschuhten Tanzbeinchen argentinischer Tangoboys und -girls projiziert wurden, mühte sich die Band in länglichen Etüden bezüglich ihrer Neudeutung des Tangos im zeitgenössischen Clubmusik-Kontext ab: Das Akkordeon ergab sich mäßig spannend in Wiederholungen derselben Motive, ein DJ verlegte ausdrucksstark Platten, der elektronisch generierte Bass blubberte konsenstauglich und die Beats stammten aus dem Hause Zahnlos und Dorfmeister.

Eduardo Makaroff schlug die Saiten seiner Akustischen, während in den Stücken mit Gesangseinlage eine folkloristisch authentisch gekleidete Dame versuchte, den mäßig geilen Tracks die Emotion des Tangos einzuflüstern: Wir erinnern uns, Tango hat ursprünglich mit ziemlich heftigen Gefühlswallungen und der Wechselwirkung zwischen deren Unterdrückung und deren Zulassung zu tun. Egal.

Das Publikum war ob dieser irrsinnig gefühlsechten Nachstellung der Platte bei Ruhepuls höchst angetan. Irgendwann fiel dann die Leinwand, ein KRS One-Sample verkündete den Sound Of Tha Police und nach so viel zugemuteter Aufregung kam Tango-Legende Gustavo Beytelmann auf die Bühne, trat ans Klavier und besorgte dem seit Tagen ausverkauften Saal eine kleine Lektion in "Völkerkunde unplugged", indem er einen "richtigen" Tango anschlug.

Im Saal nickten wohlwollend die Köpfe, während sich im Foyer einige Pärchen mit der Lockerheit technischer Mathematik dem Tanz hingaben - oder wie man da sagt.

Nach der, zugegeben, wohltuenden Fingerübung des Meisters, stellte sich die Band dem Thema "Tango goes House" und verbrachte den Rest ihres Auftritts damit, in endlich etwas lebendigere Stücke ihre bekannten Tango-Versatzstücke einzustreuen.

Nach etwas über einer Stunde dann der Abgang. Großes Hurra im Saal, routinierte Liebesbekundungen von der Bühne und ein schaler Beigeschmack: Das war's? Das war's.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 2. 2002)

Von
Karl Fluch

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