Schlagabtausch zwischen Paris und USA

18. Februar 2002, 08:51
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Spannungen USA - EU gipfeln in Vorladung des französischen Botschafters in Washington

"Die USA vergeuden ihr diplomatisches Kapital, das sie seit dem 11. September erworben haben." Die Feststellung stammt von der Pariser Zeitung Le Monde, die im vergangenen Herbst noch deklariert hatte: "Wir sind alle Amerikaner." Der amerikafreundliche Ton ist gewichen: "Der Begriff 'Alliierte' habe neuerdings seine Bedeutung geändert", schreibt das Pariser Blatt in seiner Wochenendausgabe mit Blick auf die Europäer.

Die gezielteste Kritik kommt aber aus Paris. Außenminister Hubert Védrine schalt die US-Politik gegen die "Achse des Bösen" als "simpel" und "einseitig". Er prangert auch die Behandlung der Talibangefangenen in der US-Militärbasis von Guantánamo an und verurteilt die "reine Repressionspolitik" des amerikanischen Verbündeten Israel.

Am Donnerstag tat US-Außenminister Colin Powell Védrines Äußerungen in einem Zeitungsbeitrag als "leeren Dunst" ab. Einen Tag nach dieser unüblichen Reaktion gab das State Department bekannt, die für Europa zuständige Mitarbeiterin Powells habe den französischen Botschafter in Washington zu einer Unterredung vorgeladen.


Eigene Frustrationen

Das Quai d'Orsay in Paris sprach zwar am Wochenende nur von einem "Arbeitsbesuch". Es musste aber gleichzeitig bestätigen, dass auch der US-Vizebotschafter in Paris von Védrines Kabinettschef Erklärungen zur französischen Haltung verlangt hatte. Verteidigungsminister Alain Richard hatte kurz zuvor klar gemacht, dass eine Militäraktion gegen den Irak "keine Lösung" der regionalen Probleme bringen würde, sondern höchstens den Nahostkonflikt eskalieren lasse.

Wenn Paris betont gegen einen Irak-Einsatz ist, dann hat dies nicht nur mit seinen früheren Wirtschafts- und Freundschaftsbeziehungen zu Bagdad zu tun. Zum Ausdruck kommen auch eigene Frustrationen über die verlorene geopolitische Bedeutung Frankreichs und Europas. Le Monde befürchtet zudem, dass die für dieses eine Mal feststellbare Einigkeit der EU gegenüber dem amerikanischen Auftrumpfen bald wieder zu Ende sein könnte, wenn die USA militärisch gegen den Irak vorgingen.

(DER STANDARD, Print, 18.02.2002)

Von Stefan Brändle aus Paris
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