"Die Wahrheit ist auf meiner Seite"

18. Februar 2002, 22:57
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Wortgewaltiger Milosevic beschließt Verteidigungsrede vor UNO-Tribunal - Kostunica zweifelt an fairem Prozess

Den Haag/Belgrad - Am Ende seiner fast dreitägigen Verteidigungsrede vor dem UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag setzte Slobodan Milosevic einen wortgewaltigen Schlusspunkt: "Die Wahrheit ist auf meiner Seite. Die Öffentlichkeit wird ihr Urteil fällen. Sie stellt die Geschworenen dar, die dieses Tribunal nicht hat", sagte er.

Milosevic bestritt alle Vorwürfe und machte den Westen für den Zerfall Exjugoslawiens und die darauf folgenden Krie- ge am Balkan verantwortlich. Zudem bestritt er jegliche Ver- antwortung für Verbrechen in den Konflikten in Kroatien und Bosnien-Herzegowina: "Serbien hat sich mit Kroatien und Bosnien nie im Krieg befunden."

Serbien sei nie "Kriegspartei" gewesen, sagte Milosevic, eine "serbische Aggression" habe es in keinem der beiden Fälle gegeben. Sehr wohl habe er allerdings einen "neuen Holocaust an den Serben" verhindert. Dem Westen und westlichen Politikern warf Milosevic vor, "Gewalt zu benutzen, um die Welt zu beherrschen". Daher werde er für Verbrechen verantwortlich gemacht, die andere angerichtet hätten. Dies habe zum Ziel, dass die wahren Schuldigen nicht belangt werden könnten. "Ich habe mich der Gewalt, die sie ausübten, widersetzt." Dies sei der wahre Grund des Prozesses gegen ihn, so Milosevic.

Auch für den Zerfall der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawiens machte Milosevic den Westen verantwortlich. "Der Krieg begann, weil von außen der Nationalismus, der zwischen- ethnische Hass und Konflikte geschürt wurden." Zudem sei die vorzeitige Anerkennung Kroatiens durch die Bundesrepublik Deutschland und jene Bosniens seitens der USA und danach der Europäischen Gemeinschaft am Krieg schuld gewesen.

Als "Riesenunsinn" bezeichnete Milosevic die These der Anklage, dass es bei der Belagerung der bosnischen Hauptstadt Sarajewo einen gemeinsamen Aktionsplan Belgrads und der bosnisch-serbischen Führung in Pale gegeben habe. Ebenfalls "unsinnig" seien Behauptungen, dass Serbien in den Beschuss der kroatischen Küstenstadt Dubrovnik verwickelt gewesen sei, meinte der frühere Präsident Jugoslawiens.

Kostunica zweifelt an Fairness

Der jugoslawische Präsident Vojislav Kostunica hat bezweifelt, dass sein Milosevic vor dem Haager UNO-Kriegsverbrechertribunal einen fairen Prozess erhält. Was er seit Beginn der Verhandlung in der vergangenen Woche gehört und gesehen habe, sei viel über Politik und das große Medienspektakel aber wenig zur Sache gesprochen worden, sagte Kostunica am Montag in Belgrad.

Die Eröffnungserklärung der Anklage hatte "wenig mit dem Gesetz zu tun und war stattdessen vollgestopft mit flachen historischen Fehlinterpretationen", erklärte Kostunica weiter. Die gesamten Umstände verstärkten seine Besorgnis, dass dies kein Prozess gegen eine Person, sondern gegen das serbische Volk sei. Auslassungen der Anklage, dass nicht der Beweis einer Kollektivschuld der Serben sondern der individuellen Schuld einzelner der Gegenstand des Prozesses sei, klängen da sehr überstrapaziert.

Obwohl Kostunica an maßgebender Stelle den Sturz Milosevics betrieben hatte, hat er sich schon immer skeptisch über das Haager Tribunal geäußert, dem er politische Motive und Einseitigkeit zu Lasten Serbiens vorwarf. Er hatte sich auch gegen die Auslieferung Milosevics ausgesprochen, konnte sich aber nicht durchsetzen. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 19.2.2002, APA)

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