"Um die Wette sterben"

17. Februar 2002, 15:29
posten

Franz Innerhofer-Gedenklesung: Mit Elfriede Jelinek, Michael Scharang und Peter Turrini

Wien - Um im Burgtheater gehört zu werden, musste Franz Innerhofer sich erst das Leben nehmen. Mit einer Lesung im Vestibül des Burgtheaters gedachten Samstag Abend Elfriede Jelinek, Michael Scharang und Peter Turrini ihres Kollegen, der am 22. Jänner 57-jährig erhängt in seiner Grazer Wohnung aufgefunden worden war. Der Andrang war so groß, dass die Karten sofort am ersten Vorverkaufstag ausverkauft waren und die Lesung ins mit zusätzlichen Stühlen bestückte Foyer übertragen wurde. Mit Kunststaatssekretär Franz Morak (V) im Publikum erwies sogar das offizielle Österreich dem Toten späte Ehre. Zu späte, freilich.

"Briefe aus dem Grab"

"Um die Wette sterben" stellte Michael Scharang, in Abwandlung von Innerhofers letztem Romantitel "Um die Wette leben" (1993), in einem einleitenden Text gleichsam als Überschrift der Gedenkveranstaltung voran. Die Lesung sei eine Reaktion auf die Berichterstattung über Innerhofer, die sich am toten Schriftsteller vergreife und sich damit brüste, sich schon am lebenden vergriffen zu haben, so Scharang. "Seit Innerhofer im Grab liegt, bekomme ich von ihm Briefe, die er nicht mehr schreiben kann". Dass dieser die von außen an ihn heran getragenen Ansprüche, "Übermenschliches zu leisten, als Kopf- und Handarbeiter", verinnerlicht habe, "das war mörderisch", so Scharang in einer Antwort auf Innerhofers "Briefe aus dem Grab".

Große Worte

"Gewiss gehörte viel Eigensinn und viel Verrücktheit dazu, sich nach einem neunstündigen Arbeitstag vier Stunden lang in einen Unterrichtssaal zu setzen, um sich Abend für Abend mit Minderwertigkeitsgefühlen einzudecken", las Elfriede Jelinek aus dem Anfang von "Die großen Wörter" (1977), dem letzten Teil von Innerhofers autobiographischer Trilogie, der den Weg des Bergbauernsohns aus der Fabrik, über das Abendgymnasium und die Universität, zur Schriftstellerei beschreibt. Ein sich Hetzen und gehetzt Werden, "von einer mißlungenen Prüfung zur anderen in Verzweiflung und Stumpfsinn zurückgeworfen", unter der Devise "Studium und Bildung jetzt! Leben später!".

Fadensuchen und Fadenverlieren

Das Leben aber hat für Innerhofer die Verheißung nicht eingelöst. "Der Fortschritt hat kein Maß. Ist immer nur Schreiten und fort" und "Statt Leben geduldig zusammen aneinander vorbei in Richtung Friedhof", heißt es in "Um die Wette leben". Innerhofer, so mag es rückblickend aussehen, konnte sich aus der verinnerlichten Knechtschaft nicht im Leben erlösen, sondern nur außerhalb. Sein Weg war von Kindheit an, wie es in "Schöne Tage" (1974) heißt, "ein ständiges Fadensuchen und Fadenverlieren, ein Davonmüssen von sich selbst."

Innerhofer-Verfilmung von "Schöne Tage"

Unveröffentliche Texte, wie eigentlich angekündigt, wurden zwar nicht gelesen. Scharang plant aber gemeinsam mit Franz Wolfgruber zum 60. Geburtstag Innerhofers eine Gesamt-Werkausgabe, inklusive dessen unveröffentlichter Schriften, herauszubringen. Innerhofers Verlag, "dem Vernehmen nach im Besitz des Staates" (der zum Österreichischen Bundesverlag gehörende und zum Verkauf anstehende Residenz Verlag, Anm.), so Scharang, solle nicht vorschnell klagen, man werde die Mittel zur Veröffentlichung zusammen betteln. Scharangs Einleitungstext wird am Montag in der "Presse" abgedruckt. Im Rahmen der Filmarchiv-Retrospektive "Schamlos. Österreichische Spielfilme 1965-1983" wird am 19. Februar und 8. März im Wiener Imperial Kino Fritz Lehners Innerhofer-Verfilmung von "Schöne Tage" gezeigt. (APA)

Share if you care.