Mathematik und Film - eine erstaunliche Liaison

16. Februar 2002, 14:50
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Über den genialen Mathematiker John Nash und das englische Weltkriegsprojekt "Enigma"

Zwei Streifen zum Thema Mathematik laufen in Kürze an. Schon jetzt aber lässt sich einiges über ihre geschichtlichen Vorlagen sagen: über den genialen Mathematiker John Nash (siehe Seite 2) und über das englische Weltkriegsprojekt zur Entschlüsselung des deutschen Militärfunks. Für den Liebesfilm "Enigma" ist der Kampf der Kryptographen allerdings nur Hintergrundfolie. In seiner Reportage leuchtet Burkhard Müller-Ullrich diesen Hintergrund - und die Geschichte der Filmproduktion - näher aus.
Es war höchst ungewiss, was die notdürftig mit Stahlstreben verstärkten Decken aushalten würden. Jedenfalls keinen Volltreffer einer deutschen Bombe. Eine fiel ganz in der Nähe auf die Clive Steps, die Passage, die parallel zur Downing Street auf die U-Bahn-Station Westminster hinführt. Churchill ließ sich davon nicht beeindrucken. Er ließ sich von gar nichts beeindrucken. Er begab sich während der Luftangriffe sogar aufs Dach des Gebäudes, um besser sehen zu können, was die "Hunnen" (sein Wort) mit London anstellten.

September 1940. Es war höchst ungewiss, wie lange die Bevölkerung in England dem "Blitz", dem deutschen Bombenregen, psychisch standhalten würde. Hitler hatte auf Demoralisierung gesetzt. Doch in einem geheimen Bunker im Londoner Regierungsviertel, in den "Cabinet War Rooms", gleich neben den Clive Steps, sprach ein zigarrenrauchender Premierminister in die Mikrofone der BBC: "The battle of Britain is about to begin. Upon this battle depends the survival of Christian civilisation ..." Das stimmte. Ganz Europa war von der Wehrmacht überrannt worden; nur Großbritannien leistete noch Widerstand. Und es war höchst ungewiss, wie weit die Kräfte reichen würden.

"Die Leute in England hatten 1940 eigentlich keine Veranlassung zu glauben, dass sie gegen die Nazis siegen würden", sagt mit der landesüblichen Gelassenheit der heutige Direktor der "Cabinet War Rooms", Philip Reed. Er sagt es in fließendem, idiomatischem Deutsch, denn er hat in Deutschland studiert. Wir sitzen in seinem fensterlosen Büro am ehemaligen Esstisch der Familie Churchill. Nichts bekommt man hier unten mit vom Verkehr, der draußen brandet, oder von der Sonne, die draußen scheint. Damit die Regierung überhaupt eine Vorstellung vom Wetter bekam, wurde es schriftlich auf einer Wechseltafel angezeigt; "windy" bedeutete allerdings, dass gerade Fliegeralarm herrschte.

Kraft

Was für eine Kraft einer gehabt haben muss, der seine Landsleute zum totalen Widerstand mobilisierte, während Hitlers Luftwaffe Tag und Nacht Angriffe auf London flog, das lässt sich in diesem sonderbaren unterirdischen Museum zumindest ansatzweise nachvollziehen. Zunächst geht man eine steile Treppe hinunter und bekommt an der Kasse einen Audioführer. Die Atmosphäre ist ein bisschen aufregend, und dramatische Bilder der Battle of Britain tun ein Übriges, um das leichte Gruselgefühl zu schüren. Dann folgt man einem langen Gang, von dem die Arbeits- und Schlafräume der Minister, Generäle und ihrer Adjutanten abzweigen. Die Beleuchtung ist um des dramatischen Effektes willen etwas düsterer als damals, aber ansonsten erscheint alles im funktionsbereiten Originalzustand: die Arbeitsplätze der Telefonzentrale, die Codiermaschinen, die Schreibtische der Sekretärinnen, das Bett des Premierministers und natürlich der so genannte "Map Room", der Kartenraum, wo Churchill eigenhändig mit bunten Stecknadeln Schiffe, Truppenkontingente und Frontverläufe markierte.

In der Tat wurden diese historischen Örtlichkeiten unmittelbar nach Kriegsende aufgegeben und vergessen. Man drehte einfach den Strom ab, schloss die Panzertüren zu, und alles blieb so, wie es war. Nur ab und zu durften ranghohe Interessenten mit guten Kontakten zum politischen oder militärischen Milieu einen Blick hineinwerfen. Erst 1984 wurden die "Cabinet War Rooms" dem Imperial War Museum unterstellt und zu einer Publikumsattraktion ausgebaut, mit zweitem Eingang und ein paar Absperrungen, um Neugierige am Befingern der Exponate zu hindern.

Furcht vor Blütenstaub

Im Oktober 1941 bekam Churchill ein Schreiben vorgelegt, das für den weiteren Verlauf des Krieges und damit für die Weltgeschichte von nicht zu unterschätzender Bedeutung war. Der Brief stammte von einem Mathematiker namens Alan Turing, einem exzentrischen Genie in bester Cambridge-Tradition: Aus Furcht vor Blütenstaub lief Turing tagelang mit Gasmaske herum, trat bei seinem Fahrrad bloß vierzehnmal in die Pedale, weil er wusste, dass bei der fünfzehnten Umdrehung die Kette heraussprang, und seine Kleidung ähnelte durchaus der eines Landstreichers. Turing gehörte zu den Codeknackern in Bletchley Park, wo die verschlüsselten Funksprüche der deutschen Wehrmacht und der Marine entziffert wurden.

"Action this day."

Das Verschlüsselungsgerät Enigma hatte der Berliner Ingenieur Arthur Scherbius schon 1918 patentiert bekommen. Es bestand aus mehreren "Rotoren" mit elektrischen Kontakten zu beiden Seiten, sodass einem über die Tastatur eingegebenen Klartextbuchstaben ein anderer Buchstabe per Leuchtzeichen zugeordnet wurde. Die möglichen Kombinationen waren dabei so zahlreich, dass man, ohne die Rotorenstellung und ihre innere Verdrahtung zu kennen, zum Durchprobieren Monate und Jahre gebraucht hätte. Doch Turing hatte seinerseits das Durchprobieren automatisiert: Er hatte eine computerähnliche Anlage gebaut, welche den Buchstabensalat auf sinnhafte Abfolgen durchforstete, und er schlug Churchill vor, noch viel mehr von diesen Anlagen bauen und parallel betreiben zu lassen, um weiterhin den deutschen Funkverkehr abhören zu können. Die Antwort des Regierungschefs ist legendär: "Action this day." Der Vorschlag solle sofort umgesetzt werden.

Von da an herrschte in der Dechiffrierstation von Bletchley Park, auch "Station X" genannt, Hochbetrieb. 200 "Bombs", wie die rekombinatorischen Automaten hießen, wurden installiert; bis zu 10.000 Menschen arbeiteten in drei Schichten an diesem größten britischen Geheimprojekt. Und wie geheim es war! Keiner der Dabeigewesenen getraute sich nach dem Krieg, darüber zu sprechen. Alan Turing wurde ein schmählicher Prozess wegen Homosexualität gemacht, und noch in den Siebzigerjahren war sein Lebensweg bloß einer Hand voll Eingeweihter bekannt. Das hat sich mittlerweile, nach Biografien von Andrew Hodges und Rolf Hochhuth, geändert, doch noch vor einem Jahrzehnt, erinnert sich der Journalist und Schriftsteller Robert Harris, war es ziemlich schwer, Informationen aus erster Hand über das Alltagsleben in Bletchley Park zu bekommen.

Harris fing vor zehn Jahren an, für seinen Roman "Enigma" zu recherchieren. Das Buch, gesteht er freimütig, hat alles, was einer Verfilmung im Wege steht: Es handelt von komplizierten mathematischen Zusammenhängen, es spielt hauptsächlich in verdunkelten Holzbaracken, es gibt kaum Gewalt, kaum Sex, bloß kurzatmige Gespräche unter kultivierten Akademikern. Das Buch war zwar ein Bestseller (auch in Deutschland, wo Harris bereits mit "Fatherland" großen Erfolg hatte), aber vom Verkauf der Filmrechte erwartete der Autor nichts - bis er erfuhr, mit welchem Produzenten er es zu tun bekam. Kein anderer als Mick Jagger war nämlich mit seiner neuen Firma Jagged Films in diese Branche eingestiegen.

Jagger schoss zwar nicht die benötigten 60 Millionen Mark ein - das tat, nachdem der Deal mit einem Hollywoodstudio geplatzt war, schließlich die deutsche Senator Entertainment AG in ihrem unbeirrbaren Bestreben, zu den Großen des internationalen Filmgeschäfts zu stoßen - doch Jagger hat als Produzent immerhin den Vorteil, dass ihn jedweder Starregisseur oder -schauspieler, den er erreichen möchte, schleunigst zurückruft. Seinen Freund Tom Stoppard brachte er dazu, basierend auf Harris' Roman das Drehbuch zu verfassen, und als Kate Winslet für die Hauptrolle zusagte, da war aus einer äußerst waghalsigen Idee ein viel versprechendes Projekt geworden.

Irgendwann zwischen Finanzierungsdiskussionen und Drehbeginn tauchte eine spektakuläre Besuchergruppe in Bletchley Park auf: Harris, Stoppard und Jagger trafen sich vor dem Rundgang im örtlichen Pub, wobei die Ankunft des Letzteren, zusammen mit seinen Bodyguards jenes plötzliche Verstummen auslöste, wie man es aus Western kennt. So jedenfalls berichtet Harris diese Szene, und er fügt hinzu: "Mein vages Vorurteil, dass er bloß ein Rockstar sei, der einem neuen Hobby fröne, wurde in dem Augenblick zerstreut, als er diesen berühmten Mund aufmachte. Er schien jedes einigermaßen wichtige Buch, das über Enigma geschrieben worden war, zu kennen. Und er meinte es ernst."

Goldene Eier

Bletchley Park, 70 Kilometer nördlich von London, ungefähr auf halbem Weg zwischen Oxford und Cambridge gelegen, ist ein idyllischer Landsitz mit Herrenhaus und Nebengebäuden. Ganz in der Nähe wurde Ende der Sechzigerjahre die Stadt Milton Keynes erbaut, ein urbanistisches Experiment, ein Reißbrett-Traum von Architekten, den bloß die Bevölkerung nicht mitträumte: Statt der geplanten 250.000 Einwohner, ließen sich nur 180.000 nieder. Als in Bletchley Park Weltgeschichte gemacht wurde, gab es Milton Keynes noch nicht; und als Milton Keynes gebaut wurde, durfte man von Bletchley Park noch nichts wissen. Nicht von ungefähr hatte Churchill die "Station X" einmal als seine Gans bezeichnet, die goldene Eier lege, ohne zu schnattern.

1991 sollten die seit langem leer stehenden Gebäude abgerissen werden. Doch endlich formierte sich das historische Bewusstsein: Ein "Bletchley Park Trust" wurde gegründet, der mit den Grundeigentümern erfolgreich über die Erhaltung und Sicherung des Anwesens verhandelte.

Das ist der atmosphärische Hintergrund, vor dem sich im Folgenden ein sensationeller Kriminalfall abspielte. Am 1. April 2000 wurde am hellichten Tag, während sich an die hundert Besucher in Bletchley Park aufhielten, aus einer unverschlossenen Glasvitrine im Museum das wohl wichtigste Ausstellungsstück gestohlen: eine "Enigma M4", eine Sonderausführung der Marine-Enigma mit einem vierten Rotor, wie sie von 1942 an vor allem in den Atlantik-U-Booten benutzt wurde. Es gibt von diesem Typ angeblich weltweit nur noch drei Exemplare.

Die zusätzliche Verschlüsselungswalze hatte die Code-Sicherheit in einem Ausmaß erhöht, dass die Briten in dieser entscheidenden Phase des Geschehens - die Vereinigten Staaten waren gerade in den Krieg eingetreten - für eine Weile ,blind' wurden. Genau im dem Moment setzt übrigens die Handlung des "Enigma"-Films ein: Der dramatische Wettlauf mit der Zeit beim Entziffern der deutschen Funksprüche verbindet sich mit dem fieberhaften Bemühen des Helden Tom Jericho, das rätselhafte Verschwinden seiner Geliebten und Bletchley-Park-Kollegin Claire aufzuklären. Der Diebstahl seinerseits wurde nach fünf Monaten aufgeklärt, der 58-jährige Radio- und Elektronikhändler Dennis Yates wurde gefasst und im September des letzten Jahres zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Es war exakt in der Woche des englischen Filmstarts von "Enigma".

Bletchley-Manie

Mit der Leinwandfassung von Robert Harris' Roman verbreitet sich - nicht nur in England - eine regelrechte Bletchley-Manie. Dabei ist die Problematik, mit der Churchills Codeknacker konfrontiert waren, zugleich von höchster Aktualität. Nur dass die Schwierigkeiten, welche die "Enigma" bei der Entschlüsselung bereitete, ein Kinderspiel waren gegenüber den Verschlüsselungsmöglichkeiten, die heute jedermann mit einfach zu beschaffenden Computerprogrammen besitzt.

Als der amerikanische Techniker Ray Tomlinson vor dreißig Jahren die E-Mail erfand, kam es ihm auf Geheimhaltung nicht so sehr an. Doch seit den Attentaten des 11. September und seitdem man weiß, dass Terroristen unter anderem via verschlüsselte E-Mails miteinander kommunizierten, wird über diese elektronische Form der Nachrichtenübermittlung heftig diskutiert - nicht nur in Expertenkreisen.

Und es gibt eine zweite Ebene der Bletchley-Aktualisierung:
Es ist das Gefühl, unter einer ernsten und näher rückenden Bedrohung zu leben, und die Erkenntnis, dass es höchst ungewiss ist, ob die westliche Zivilisation heil davonkommt. Von den 300.000 Touristen, die pro Jahr die "Cabinet War Rooms" besuchen, sind die Hälfte Amerikaner. Sie bleiben zurzeit weg. London gilt ihnen als unsicher. Bloß die Engländer haben so viel Erfahrung im Nahumgang mit Terror, dass sich am Leben in London nicht das Geringste ändert. Soeben hat Philip Reed mit dem Umbau des einstigen Regierungsbunkers angefangen: Durch Hinzunahme bislang ungenutzer Räume soll hier ein 900 Quadratmeter großes Churchill-Museum entstehen.

"Enigma" startet am 22. Februar.

(DER STANDARD, Album, 16.02.2002)

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