Reformatoren entdecken die Volkssprache

15. Februar 2002, 23:09
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Die erste slowenische Bibel war eine Luther-Bibel. Doch Tradition und habsburgischer Druck ließ die Slowenen der Romkirche treu bleiben.

Aus der slowenischen Frühzeit, als die Fürsten der Alpenslawen noch Herren über ihren kärntnerisch-krainisch-steirischen Siedlungsraum waren, gibt es nur ein einziges schriftliches Zeugnis für die Sprache, die sie damals gesprochen haben. Es sind dies die "Freisinger Denkmäler" (so genannt nach dem Kloster, in dem sie durch die Jahrhunderte aufbewahrt worden waren). Ihrer Entstehung nach sind sie nach Ansicht der Slawisten ins 9. Jahrhundert zu setzen - sie sind das älteste slawische Schriftdenkmal in lateinischer Schrift und zudem das älteste Denkmal einer heute lebenden slawischen Ethnie überhaupt. Offenbar wurden die Texte von deutschen Missionaren niedergeschrieben, das lässt sich daran ablesen, dass die Mönche sich anscheinend schwer taten, die original slawische Lautung zu transkribieren. Auf diese Weise sollte den Taufkindern bzw. den einheimischen Bekehrungshelfern das Sakrament der Beichte nahe gebracht werden.

Jahrhundertelang schweigen danach die schriftlichen Quellen über das Slowenische. Es ist dann wieder die Religion, die uns in den ersten Jahrzehnten der Neuzeit slowenische Sprachzeugnisse überliefert. Eine Beichtformel, ein Vaterunser, Aufzeichnungen von frommen Schenkungen des Adels machen den Anfang, dann wird die Reformation, zu der sich Adel, Bürgertum und niederer Klerus in Krain und Kärnten rasch bekannten, zur Triebfeder, den vom Latein befreiten Glauben den Untertanen auch in deren Volkssprache nahe zu bringen. Die Adeligen erwiesen sich dabei als Förderer jener Geistlichen, die sich dieser Aufgabe annahmen. Der in Kärnten und Krain tätige Kanonikus Primoz Trubar, ein eifriger Verbreiter des Luthertums, übersetzte das Neue Testament ins Slowenische und schrieb auch eine Kirchenordnung für Krain. Seine bäuerlichen Landsleute, "das Creinerisch und Oberwindisch gutherzig Volk", schienen ihm in seiner protestantischen Nüchternheit, die viel Kirchentraditionelles als abergläubisch über Bord warf, mitunter verstockt, denn sie wollten weder von Bittgebeten zur Madonna und den Heiligen noch von Opfern, Rosenkränzen, geweihten Kerzen, Wallfahrten etc. ablassen. Als die habsburgischen Erzherzöge die Gegenreformation einleiteten, musste Trubar nach Tübingen fliehen. Dort konnten seine Bücher gedruckt werden. Um diese Zeit erschienen auch die erste slowenische Grammatik sowie ein deutsch-italienisch-slowenisches Wörterbuch.

Die Verwendung dieser dem Protestantismus zu verdankenden Literatur in der Volkssprache dürfte freilich in den Ländern, für die sie bestimmt war, zunehmend auf Schwierigkeiten gestoßen sein. Ferdinand I., der Bruder und Nachfolger Kaiser Karls V., in Spanien aufgewachsen, verstand sich als advocatus ecclesiae und versuchte, das Vordringen des Protestantismus einzudämmen. Verbote der Verbreitung lutherischer Bücher fruchteten zunächst wenig. Der Kaiser teilte seine Länder unter seinen zahlreichen Erben auf. Innerösterreich (umfassend die Länder Steiermark, Kärnten, Krain und das Küstenland, also das gesamte slowenische Sprachgebiet einschließend) erhielt sein jüngster Sohn, Erzherzog Karl II. Selbst streng katholisch erzogen, war er mit Maria von Bayern verheiratet, die ihn in dieser Richtung noch bestärkte. In der zweiten Hälfte seiner bis 1590 währenden Regierungszeit holte er die Jesuiten nach Graz, überantwortete ihnen die von ihm gegründete Universität und setzte sie als gegenreformatorische Kraft ein. Das ging zunächst nur Schritt für Schritt. Was die slowenische Bevölkerung anlangt, so wurde vor allem durch die Vertreibung protestantischer Prediger deren Einfluss auf die unteren Stände eingedämmt. Karl II. gilt übrigens auch als Gründer des Gestüts in Lipica, jenem slowenischen Ort, der den Lipizzanern den Namen gab.

Der von Jesuiten erzogene Sohn Karls, Ferdinand II., zuerst Erzherzog, dann auch Alleinerbe des österreichischen Zweigs der Habsburger und 1619-1637 Kaiser, ging mit ganzer Strenge gegen den Protestantismus in seinen Erbländern vor. Mit Unterstützung der kirchentreu gebliebenen Bischöfe in Innerösterreich traten "Reformationskommissionen" in Aktion. Zunächst wurde der Adel noch geschont, aber der Ausweisung der protestantischen Prediger und Schulmeister folgte sehr bald die harte Alternative, die der Herrscher seinen Untertanen stellte: Rückkehr zur katholischen Kirche oder Auswanderung (welche sich letztlich zumeist nur wirtschaftlich potentere Kreise, zum Schaden der Städte, leisten konnten). Abgesehen von örtlichen Tumulten in Kärnten und Krain hatte die Gegenreformation überraschend schnell Erfolg. Der Dreißigjährige Krieg, in den Ferdinand eintrat, machte auch die Herren gefügig.

Man muss annehmen, dass für die bäuerliche slowenische Bevölkerung der ganze Religionsstreit eher eine "Herrensache" war und sie sich wieder leicht in die alte Ordnung einfügten. So sind die Slowenen in ihrer ganz überwiegenden Mehrzahl katholisch geblieben - und fanden in den Konflikten mit den Deutschnationalen in der Kirche eine verlässliche Stütze. In dem - freilich ständig der Assimilierung ausgesetzten und noch zahlenmäßig schwachen - slowenischen Bürgertum mag die durch die Lutheraner geweckte Pflege der Volkssprache eher Spuren hinterlassen haben. Es bedurfte anderthalb Jahrhunderte, bis ihnen die kulturellen Meilensteine der Reformation neue Wege wiesen, die zum Wiedererwachen führten. (DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 16./17. 2. 2002)

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