Kein Mitleid mit Gemüse

15. Februar 2002, 21:10
posten

Helge Timmerberg ist unterwegs

Terror ist in, Rauchen ist out. Selektion ist in, Chaos ist out. CNN ist in, Helge Timmerberg ist out. Grauenvolle Zeiten. Aber das können Sie ändern. Kaufen Sie sich das unkorrekte, im THC-Rausch geschriebene Buch mit dem Titel Tiger fressen keine Yogis von genau dem Helge Timmerberg, der zwanzig Jahre lang unsere Antwort auf Hunter S. Thompson war und nach einem langen Himalayaaufenthalt jetzt zum Glück wieder im schultersolidarischen Deutschland für die Bild-Zeitung schreiben darf.

Keine Droge

Das Buch ist keine Droge, obwohl manche Reiseberichte LSD-Trips nachempfunden scheinen, sondern Medizin für die Seele. Der Autor sucht nach dem Sinn des Lebens und findet ihn im Heuhaufen Asiens, in der Vielfalt menschlichen, allzu menschlichen, schauderhaften Versagens und göttlichen Gelingens, in der lebensbejahenden Aporie hinduistischer Weisheit und im Witz. Reisen durch die Nacht der Verzweiflung, Reisen durch den eigenen Körper, Reisen ins politische und biologische Immunsystem.

Chaos schafft Geborgenheit

Ob in Teheran oder Surabaya, ob in Magdeburg oder Tokio, Las Vegas oder Tel Aviv, Helge Timmerberg ist überall zu Hause; er beschwört Pestkranke, Kochbuchautoren, Sterbende, Viagratester in Wien, Superstars und bettelnde Fakire, und er bringt sie uns nah, man möchte sie alle umarmen und mit ihnen befreundet sein. Ein Buch, das Frieden stiftet, trotz oder wegen der Extreme, die er miteinander kollidieren und sich miteinander versöhnen lässt.

Besonders gefallen hat mir der Bericht über seine marokkanische Freundin, die ihm sein Sperma stahl, um daraus Plätzchen zu backen, oder die Geschichte von dem Yogi, der seit zwanzig Jahren seinen rechten Arm verdorrend in die Höhe streckt. Aber auch die Reise zum Yakuza ist schön, der seinen linken, kleinen Finger verloren hat. Tiger mochte ich schon immer, aber der bengalische, dem Helge Timmerberg begegnet, ist richtig zum Knuddeln.

Übrigens: Helge Timmerberg ist Vegetarier. Er isst kein Tier, dessen IQ unter dem seinen liegt, und er hasst Fische. Nur mit Gemüse hat er kein Mitleid.

Als ich ihn fragte, wie man eine Frau wiederbekommt, die einen nicht will, antwortete er: "Das ist ganz einfach, sehne dich nicht mehr nach ihr." Ich meinte, das sei doch schrecklich, aber er: "Nun ja, Gott ist ein Sadist."

(Von Matthieu Carrière - DER STANDARD; Album, 16.02.2002)

Helge Timmerberg, Tiger fressen keine Yogis. Stories von unterwegs. Mit einem Vorwort von Sybille Berg. EURO 20,71/öS 285,-/256 Seiten. Solibro, Münster 2002.

Share if you care.