Das Schicksal, man selbst zu sein

15. Februar 2002, 21:06
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Tim Parks' Roman "Schicksal" - Wie soll man wissen, ob es richtig ist, wie man lebt?

Wie soll man wissen, ob es richtig ist, wie man lebt? Schließlich hat man keine Vergleichsmöglichkeit, kein Parallelleben, in dem man Varianten durchspielt, um dann die optimale auszuwählen. Jede Entscheidung ist ein Wagnis, jede Nichtentscheidung auch. Christopher Burton, in dessen Kopf wir in Tim Parks Roman Schicksal schauen dürfen, ist ein Grübler und zugleich ein Zauderer. Er fragt sich, wie viel Freiheit habe ich eigentlich, und warum mache ich nicht davon Gebrauch. Warum trenne ich mich nicht endlich, nach dreißig Jahren Ehe, von meiner Frau und beende diese Beziehung, die "seit Jahren in der Sackgasse steckt". Weil es meist so ist, dass alles, was zu lange im Kopf kreist, erst eines äußeren Auslösers bedarf, um wirklich konkret zu werden, beginnt Parks seinen Roman mit einem außerordentlichen Vorfall. Völlig überraschend erhält der Engländer Christopher Burton, angesehener Italienkorrespondent einer Zeitung, an der Rezeption eines Hotels telefonisch die Nachricht vom Selbstmord seines schizophrenen Sohnes. Die ersten Empfindungen sind weder Schmerz noch Trauer, eher das Gefühl einer Befreiung. Die Todesnachricht ist wie das Schwert, das einen Gordischen Knoten zerschlägt. Plötzlich ist Burton ganz sicher, jetzt, wo der Sohn tot ist, wird er es schaffen, er wird seine Frau verlassen. Wird er das wirklich? Und, was ist überhaupt sein Problem? Dass er unfähig ist, seine Frau, eine temperamentvolle italienische Aristokratin, zu verlassen, oder, dass er bloß unfähig ist, sich endgültig für sie zu entscheiden?

Kämpfe zwischen Gedanken und Gefühlen

Tim Parks schildert Prozesse, die im Kopf stattfinden, große Kämpfe zwischen Gedanken und Gefühlen. Kämpfe, die mitunter auch komische Züge tragen, durch die Diskrepanz zwischen dem, was die Hauptfigur theoretisch anstrebt und dem, was ihr praktisch widerfährt. Burton schreibt gerade an seinem "Monumentalwerk" über den "Nationalcharakter" aus dem sich jegliches Verhalten von Menschen, wie er beweisen will, ableiten und sogar vorherbestimmen lässt. Dabei gelingt es ihm aber nicht einmal, sein eigenes Leben in den Griff zu bekommen, geschweige denn zu planen. Ist das nun typisch englisch? Man weiß nicht recht, was man mit diesen Überlegungen über Nationalcharaktere anfangen soll. Nicht nur lauern überall Klischees, letztendlich bleiben die Anspielungen auch recht vage und diffus.

Ironie

Parks scheint selbst nicht so genau zu wissen, wie ernst er diese Theorien nehmen soll, oder wie viel Ironie er drüberlegen kann. In der Essaysammlung Ehebruch und andere Zerstreuungen von 1998 findet sich eine kurze Geschichte mit dem gleichnamigen Titel Schicksal, die mehr Erzählung als Essay ist und eine Vorstufe zum Roman darstellt. Das spätere Figurenpersonal ist bereits vorhanden, die Erzählperspektive ist noch eine andere und auch der theoretische Hintergrund. Parks nähert sich dem "Schicksal" hier noch mit psychoanalytischen und theatralischen Kategorien, nicht mit Nationalcharakteren.

Entscheidungssituationen

Die kämpfenden Ehepartner vergleicht er mit den Figuren in Stücken von Samuel Beckett, die einander auf eine rührende Art und Weise brauchen. Das vorherbestimmte Schicksal steht als anachronistischer Begriff den neuen Werten der westlichen Welt gegenüber, die darauf abzielen, dass der Einzelne möglichst viel selbst entscheidet und maximale Kontrolle über sein Leben anstrebt. Also das Gegenteil von Schicksal. Das heißt aber auch, dass man immer an allem selbst schuld ist. Wichtige Fragen wie Kapitalismus und Globalismus spart Parks, der im Grunde sehr wohlstandsindividualistisch denkt, allerdings aus, die Stärke der beiden Texte liegt aber auch mehr in der Beschreibung von Spannungsfeldern als in der fundierten Analyse. Wie die Gedanken im Kopf immer zwanghafter werden und welch mentaler Stress sich in Entscheidungssituationen aufbaut. Parks kommt zum Schluss, "daß das Schicksal schlicht und einfach dieses wankelmütige fremde Wesen, man selber, ist".

(Von Karin Cerny - DER STANDARD, Album, 16.02.2002)

Tim Parks, Schicksal. / EURO 20,50/öS 282,-/281 Seiten. Kunstmann, München 2001.

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