"Ohren abgeschnitten, ebendort"

15. Februar 2002, 21:00
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Zur Neuauflage von V. S. Naipauls "Abschied von Eldorado"

Eigentlich entstand dieses Buch zwischen 1966 und 1968. Naipaul überarbeitete es 1973 noch einmal, da lebte er schon über zwanzig Jahre in London. Geschichte schien machbar, es war die Zeit der Studentenrevolte, der Bürgerrechtsbewegungen, der Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg - und die Zeit der Utopien: Strawberry fields forever. Ein Autor mit Kolonialerfahrung hätte diese endlosen Erdbeerfelder in einem Roman fiktiv ausmalen können und fragen, wer die absurde Idee hatte, wer sie jätet und bewässert und wer all die Erdbeeren isst. Er könnte dann die Abmilderung der Utopie zum Erdbeerland mit Autobahnzufahrt gutheißen.

Naipaul wickelt in seinem Abschied von Eldorado eine Utopie ab und den Gutteil des allgemeinen, zeitgenössischen Utopismus gleich mit. Dazu malt er allerdings keine Fiktion aus: Er verfasst eine Kolonialgeschichte Trinidads für die Zeit von 1592 bis 1813, des Landes also, in das Mitte des 19. Jahrhunderts seine indischen Ahnen eingewandert waren. Diese Geschichte ist so überschaubar wie die eines Dorfes und doch gleichzeitig mit den Interessen der damals großen Welt (Spanien, England und Frankreich) verflochten. Trinidad ist Schauplatz des Scheiterns von Sir Walter Raleigh oder des Aufstiegs von Simón Bolívar, über lange Zeit aber einfach Spielwiese einer abgelegenen Kolonialverwaltung. Insgesamt entwickelt sich aus der anfänglichen spanischen Utopie um ein sagenhaftes "Goldland" die ziemlich trostlose Wirklichkeit einer englischen Zucker-, Tabak- und Sklavenkolonie: "(...) von hundert mittellosen Engländern, die nach Trinidad kamen, starben zwanzig bis dreißig innerhalb des ersten Jahres. Bei den Negern rechnete man damit, dass sie starben; sie fielen der hohen Arbeitsbelastung, der schlechten Ernährung und speziellen Negerkrankheiten wie dem mal d'estomac zum Opfer, das vom Erdeessen herrührte."

Macht es einen Unterschied, ob Naipaul ("der Literaturnobelpreisträger") Quellen zitiert und "einfach" beschreibt, was war - oder ein Durchschnittshistoriker? Der Unterschied liegt hier dem Anschein nach in einem "Weniger" an Erzählen eher als in einem "Mehr": Er wird daran erkennbar, wie Naipaul mit der Perspektive seiner Quellen umgeht. Wo ein durchschnittlicher Historiker versucht wäre, umzuschreiben oder zu kommentieren, besteht Naipaul auf der genauen Wörtlichkeit und Perspektive seiner Quellen auch dann, wenn er nicht ausdrücklich zitiert: Der "Neger" als Gegenstand des "Rechnens" wie im Zitat oben und der exotische Begriff vom "Bauchweh". Offensichtlich wird das in der Schilderung eines Ereignisses, das in einem herkömmlichen Geschichtsbuch wohl völlig fehlen würde, das aber Naipaul erlaubt, die spanische und ursprünglich einheimische Begrifflichkeit von "Jagd" und "Essen" zu konfrontieren:

"Die Kariben waren Menschenfresser. Zweimal im Jahr fuhren sie in Verbänden bis zu dreißig Kanus den Orinoko hinauf, um zu jagen. Die Ufer waren über mehr als eineinhalbtausend Kilometer entvölkert, gleichsam leer gefressen. Doch die Jagdgesellschaft, der Berrio begegnete, war freundlich gesinnt. Die Männer boten den Spaniern Essen an."

Ironie ist das Stilmittel, das in diesem Buch das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Kulturen charakterisiert. Es markiert zugleich den kulturellen Abstand des heutigen Lesers zu dem, was da erzählt wird. Mit der Ironie besteht Naipaul auf einer Unversöhnlichkeit kultureller und historischer Perspektiven in einem "übergeordneten", "moralischen" Standpunkt. Er glättet die Widersprüchlichkeit von Bezeichnungen und Vorstellungen aus unterschiedlichen Kulturen nicht, um das "Exotische" einfach und verständlich zu machen. Stattdessen zeigt er die Unversöhnlichkeit der Begriffe.

Eine Geschichtsschreibung, die selbst "kolonialisiert", was ihr fremd ist, würde diese Unversöhnlichkeit einebnen und die Ironie großteils einer "political correctness" opfern. Damit stopft sie die Löcher der Erinnerung mit dem Faden eines widerspruchsfreien Vokabulars und einer entsprechend einfachen Erzählung. Das nennt sich dann "Geist der Geschichte": Ein Geist, der geschichtlichen Fortschritt garantiert und damit den Standpunkt des Autors und Lesers immer schon über die geschilderte Vergangenheit erhebt. Naipauls Lust ist es dagegen gerade, der Geschichte diesen "Geist" auszutreiben. Und das ist schon die "Moral" dieses Buches, auch in den Episoden, die es erzählt:

Ein Erbe eines spanischen Konquistatoren wird Gouverneur der Provinz und gibt trotzdem die Suche nach Eldorado auf. Er findet mit Tabakschmuggel und Sklavenhandel sein Auskommen, muss sich schließlich nach Spanien zum Rapport einschiffen, wird von Sklavenhändlern gekapert und selbst verkauft. Oder zum Beispiel William Payne, der Folterknecht im örtlichen Gefängnis. Er erblickt ausgerechnet im eben angekommenen englischen Gutmenschen mit Zukunftsaussicht (Sklavenhaltung als Grundlage der Kolonialwirtschaft ja, aber human) die Gelegenheit, sein ausstehendes Gehalt einzutreiben. Er listet also seine Leistungen auf: "In St. Joseph erhängt und verbrannt sowie enthauptet: 1 Mann; Ohren abgeschnitten, ebendort: 2 dito; Ohren abgeschnitten und gebrandmarkt, ebendort: 4 Männer (...) Als Teilzahlung erhalten (Lohn) 2 Joes." Der schockierte Gutmensch strengt in London einen Prozess an, auch, um dem langjährigen Gouverneur der Provinz persönlich zu schaden. Bei seiner Abreise plündert er die Kasse der Kolonie. Der Prozess bricht nach jahrelangen Verhandlungen in sich zusammen. Der alte Gouverneur wird Kriegsheld, der Gutmensch stirbt, in Trinidad erhebt sich die Forderung nach altem Gouverneur und alter Ordnung.

(DER STANDARD; Album, 16.02.2002)

V. S. Naipaul, Abschied von Eldorado. Eine Kolonialgeschichte. EURO 23,70/öS 326,12,-/448 S. Claasen, München 2001.

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