Max Mohn recherchiert

15. Februar 2002, 20:52
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Alex Capus spielt in seinem neuen Roman die alten Stärken aus

Wahre Geschichten sind Literatur mit Mehrwert. Mit dem Kitzel des Echten. Der Schweizer Autor Alex Capus hat sich verliebt in Geschichten, wie sie das Leben hätte schreiben können (und ein gewissenhafter Journalist also hätte recherchieren können), und wie sie das Leben auch wirklich geschrieben hat. Schon in seinem ersten Roman Munzinger Pascha (1997) schickte Capus den Journalisten Max Mohn, sein Alter Ego, auf eine Recherche - auf den Spuren des Händlers und Forschungsreisenden Werner Munzinger, der 150 Jahre zuvor aus dem Wohnort des Protagonisten nach Afrika aufgebrochen war, um die Sklaverei abzuschaffen.Im Gegensatz zu Munzinger kehrt Max Mohn jedoch schon bald desillusioniert in die kleine Stadt zurück, deren Bewohner er in dem "Roman in 14 Geschichten" Mein Studium ferner Welten (2001), einer Art "Short Cuts" aus der Schweizer Provinz, ausführlicher unter die Lupe nimmt.

Das Sympathische an den Geschichten Max Mohns alias Alex Capus' ist, dass er, wo er genauer hinsieht, nur Scheiternde entdeckt, Abstürzende - allerdings aus geringer Fallhöhe. Versager also. Er entdeckt sie in allernächster Nähe, sobald er ein bisschen zu stöbern beginnt. Auch sein soeben erschienener Roman Fast ein bißchen Frühling beruht wieder auf einer wahren Begebenheit, die es sich zu erzählen lohnt - ein Plot, wie Ödön von Horváth ihn nicht besser hätte erfinden können: angesiedelt im Kleinbürger- und Kleinganovenmilieu der Dreißigerjahre, handelnd von gescheiterten oder von vornherein falschen Träumen.

"Das ist die wahre Geschichte der Bankräuber Kurt Sandweg und Waldemar Velte", hebt der erste Absatz des Buches an, dessen Erzähler an einer Stelle Max genannt wird, "die im Winter 1933/34 den Seeweg von Wuppertal nach Indien suchten. Sie kamen nur bis Basel, verliebten sich in eine Schallplattenverkäuferin und kauften jeden Tag eine Tango-Platte. Meine Großmutter mütterlicherseits ist zweimal mit ihnen spazierengegangen. Mein Großvater wäre beinahe auf offenem Feld von einer Hundertschaft Polizisten erschossen worden, weil er einem der Räuber ein wenig ähnlich sah."

Harmlose Geschichte

Besser könnte man diese hübsche, ein wenig schauerliche, vielleicht auch einen Funken lehrreiche, aber ansonsten ganz und gar harmlose Geschichte nicht zusammenfassen. Wenn der "kindliche Draufgänger" Sandweg und der "ernste Typ" Velte, mittlerweile sechs Menschen auf dem Gewissen, sich am Schluss selbst die Kugel gegeben haben und Max' Großeltern sich endlich Richtung Ehehafen einschiffen, lehnt man sich zurück, denkt an manch amüsante und sogar spannende Episode zurück - erzählt in Capus' gewohnt nüchternem Stil, bei dem höchstens der eine oder andere Standard- und Füllsatz negativ auffällt -, aber es bleibt kein nachhaltiger Eindruck zurück. Und das ist schade.

Verschenkt

Denn indem Capus es weitgehend bei einer Nacherzählung der Fakten bewenden lässt, wobei er nicht nur die atmosphärische Verdichtung und Ausfabulierung vernachlässigt, sondern auch die Charaktere im Skizzenstadium stecken bleiben lässt, verschenkt er einen Großteil des dem Stoff immanenten "Mehrwerts" - die Ansatzpunkte zu größeren, tiefer gehenden Fragen.

Etwa wenn die nietzschegeschulten Verbrecher, die sich der drohenden Verhaftung durch den Freitod entziehen, in Abschiedsbriefen die Suche nach objektiver Wahrheit und die Schlechtigkeit der Welt für ihre Taten verantwortlich machen.

Auch die erstaunliche und für den Text glückliche Tatsache, dass das berühmte Gangsterpärchen Bonnie und Clyde zeitgleich seine Horrortour durch Amerika absolvierte (mit Maschinengewehren und einem ungleich größeren Maß an Skrupellosigkeit natürlich), lässt Capus durch die kommentarlose Parallelschaltung in dieser Hinsicht ungenutzt. Ebenso wie die politische Geschichte, die unmittelbaren Anfänge der Naziherrschaft - Sandweg und Velte, in ihrer Heimat als Volksfeinde beschimpfte Hitler-Gegner, werden in der Basler Zeitung als "Göringsche SA-Banditen" verunglimpft -, die nur als Hintergrundkulisse dienen darf.

Vielleicht gehören die Schilderungen der Nichtkommunikation, der lakonisch-verkrampften Kampf-Konversation zwischen den zukünftigen Großeltern Marie Stifter und Ernst Walder nicht zufällig zu den gelungensten Stellen des Buchs - denn schließlich verdankt Capus/Mohn der latenten Eifersucht von Ernst Walder auf die Spaziergänge seiner Zukünftigen mit den Bankräubern seine Existenz. Und kann weiter nach wahren Geschichten stöbern.

(Von Kirstin Breitenfellner - DER STANDARD, Album, 16.02.2002)

Alex Capus, Fast ein bißchen Frühling. EURO 18,40/öS 253,19,-/ 175 Seiten. Residenz, Salzburg 2002.

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    residenzverlag
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