Vom Populismus der 68er

15. Februar 2002, 20:36
2 Postings

Den einen sind die 60er-Jahre ein Mythos, anderen - zunehmend auch politisch links stehenden - ein rotes Tuch

Soeben erschien dazu die Polemik des "edition selene"-Verlegers Alfred Goubran. Sie beschäftigt sich mit der "Verbesserung" der Welt durch die 68er und der Verpöbelung als "Leitkultur". Ein Ausschnitt.


Sie haben ja heute nur die Wahl, mein Herr, sich entweder von Leuten regieren zu lassen, die keine Pubertät gehabt haben, oder von solchen, die aus der Pubertät nie herausgekommen sind. Wobei letztere als fortschrittlicher gelten und ihnen natürlich die sogenannte Zukunft gehört, was sich von selbst versteht, wenn man in der Gegenwart nur als Vorläufiger existiert. Schon lange wird ja das Erwachsenwerden nur noch als Einpassungsprozeß verstanden, während es doch das genaue Gegenteil davon sein könnte, nämlich die Befreiung von Zwängen und eine Entscheidung für sich, also der Gewinn von Souveränität. Nicht das Gegenteil. Wie es die Bürgerkreatur als Bildungsziel propagiert. Was die 68er geleistet haben, war ja eine Anpassungsleistung und Systemverbesserung mit pubertären Kräften, eine Jugend- und Studentenrevolte, wie es heißt, die nur zur Durchsetzung der ungelebten Vorstellungen des Bürgers taugte. Des Ungelebten.

Schon der Anspruch einer Generation, mein Herr, eine Gesellschaft zu verändern, ist eine Tautologie und ein Analog des Pubertären. Jede Generation verändert die Gesellschaft. Der Anspruch war: Diese Gesellschaft, die als Verdrängungs- und Vernichtungsgesellschaft erkannt war, dieses System, das als Zwangssystem empfunden wurde, zu einem besseren, freieren System zu verändern. Es umzugestalten. Die Verbesserung des Falschen. Setzt den Konsens voraus.

Anders gesagt: den Willen, jene Kräfte, die in der Pubertät als "beginnender Geschlechtsreife" frei werden, für das System zu nutzen und sie zur Verbesserung des als falsch Erkannten zu vernutzen. Geradeso, wie einer, der in einer sogenannten Familienhölle heranwächst, statt auszuziehen, seine Zeit damit verbringt, die Familie "zu verändern" - nach Vorgabe seiner ungelebten Vorstellungen. Und scheitern muß: weil Veränderungen dieser Art niemals möglich sind, solange man das Falsche nicht verläßt, kann man es nur verbessern, was nichts anderes bedeutet, als daran zugrunde zu gehen. Also mußten Vater Staat und Mutter Natur befreit werden. Von der Infragestellung, die seit dem Zusammenbruch des Systems im Jahr '45 die Organisation bedrohte.

Abgesehen davon, daß durch den Krieg und den Wiederaufbau, diese ungeheuerliche Konsensleistung, ein enormer, sozusagen generationsübergreifender Pubertätsnachholungsbedarf bestand und der sogenannte Lebensernst der Bürgerkreatur bis zum Halse stand. Aber Revolten und Revolutionen sind in der Bürgerkreatursprache ja nur Erneuerungen, mein Herr, nichts Neues. Umkehrungen, die das Ungelebte in die Zeit bringen, Nachholung und Nachbesserung - Re-Novierung, eine der Drohung des Wiederaufbaus adäquate Wiederinstandsetzung, nichts anderes.

Ich selbst habe zwei solcher Vernutzungswellen, die freilich nichts Revoltierendes mehr hatten, aber dafür das Neue und Teilhabe am Neuen versprachen, miterlebt: Die erste Abschöpfung des kreativen Potentials erlebte ich in den 80er Jahren, als die Werbeagenturen boomten und die Computer Einzug in den Büros hielten. Da wurden plötzlich viele Künstler, Maler und Schreibende, die keine Öffentlichkeit hatten, weil sie - wie das Unangepaßte auch heute noch - keinen Gegenwartszugang erhielten, zu Werbegrafikern, Werbetextern und Desktoppublishern. Berufe, die eigens für sie erfunden schienen. Da wurden aus diesen Konsensverweigerern und Existenzlosen, besser gesagt dem kümmerlichen Generationsrest davon, der noch nicht verzweifelt war, sich erhängt oder vertrunken und den Psychiatrien ergeben hatte, um der Bürgerkreatur zumindest als Verlierer und Untergeher etwas zu gelten - da wurden die Unangepaßten aus diesem kümmerlichen Generationsrest, mein Herr, plötzlich Gewinner, arbeiteten die Nächte durch, um sich das Neue anzueignen und den Anpassungsprozeß nachzuholen, wurden zu hoch-, ja überbezahlten Spezialisten, mit Honoraren, die eher den Charakter von Prämien als von Gehältern hatten, was, bedenkt man die Anpassungsleistung, ja durchaus berechtigt war. Und wurden durch ihre Leistung zur Bürgerkreatur.

Dieser Vorgang wiederholte sich in den 90er Jahren, als das kreative Potential, nachgewachsen und im Schnitt viel jünger, zu Webdesignern und Internetfachkräften ausgebildet wurde, für zwölf bis sechzehn Stunden am Tag hinter den Bildschirmen verschwand, und mit ihm die Aufmerksamkeit und das Fragen einer ganzen Generation, die sich mit dem Geschauten vielleicht nicht abgefunden hätte, wenn sie hingesehen hätte - aber sie hat nicht hingesehen, mein Herr, sondern sich an den Tastaturen und in den Programmiersprachen verbraucht.

Forderten die 68er noch zumindest gesellschaftliche Veränderungen, um das Falsche zu erhalten, so fordern die Heutigen in ihrer Vereinzelung und Artikulationsunfähigkeit nichts mehr. Sie sind vor den Bildschirmen und in ihren Tätigkeiten vereinzelt. Und in der sogenannten Spaßkultur, mein Herr, wird diese Vereinzelung zum Gemeinschaftserlebnis. Verbindend wie eine ansteckende Krankheit - so daß man sagen könnte, diese Generation hat sich ausschließlich für die Erhaltung des Falschen entschieden, die Fortführung der Modelle, die heute weder zu erneuern noch zu verteidigen sind. Um ungestört zu existieren. Der Rest ist Zerstreuung, mein Herr.

Oder ist es eine neue Art des Pöbels, die hier gezüchtet wird und in die Paßformen abwandert, wobei man heute schon froh sein kann, mein Herr, wenn einem eine Paßform zugestanden wird, Beruf und Arbeitsplatz, um sich zu verbrauchen. Und die Dankbarkeit dafür, dabeisein zu können, sich vernutzen zu lassen und selbst das Unverbrauchte zu vernutzen und Dasein zu zerstören, ist bei dieser Pöbelnachwuchsgeneration so hoch wie bei keiner der vorangegangenen - während die, die etwas benennen könnten, vor den Bilds chirmen und an den Börsen verrotten, so daß durchaus, zumindest im Sinne der Bürgerkreatur und der Organisation, von einem Fortschritt gesprochen werden kann.

Was bisher noch zur Vernutzung notwendig war, das Demokratie- und Kulturgetue der Bürgerkreatur, wird zunehmend überflüssig. Der Pöbelnachwuchsgeneration sind diese Aufführungen und das Wertgetue unverständlich. Sie weiß: Es muß nicht länger so getan werden. Der einzelne wird verbraucht. Ob er will oder nicht. Das ist nicht zu ändern. Auch wenn es nicht in Ordnung ist. Eine Biedermeierbescheidenheit und ein Rückzug, bei dem der einzelne als vereinzelte Bürgerkreatur als Staatsbürgerkreatur, das Ungelebte wie ein Schneckenhaus auf dem Rücken trägt - wo es beim Tanzen und Skaten nicht stört.

Alfred Goubran, Der Pöbelkaiser oder mit den 68ern "Heim ins Reich". EURO 17,90/öS 246,-/144 Seiten. Residenz, Salzburg 2002.

(DER STANDARD, Album, 16.02.2002)

Share if you care.