Günstlingskapitalismus, made in USA - Von Joseph E. Stiglitz

18. Februar 2002, 11:57
4 Postings

Der Enron-Skandal als Lehrstück für die Aushöhlung der Demokratie

Erinnern Sie sich noch an die Krise in Ostasien, als das US-Finanzministerium und seine Verbündeten im IWF den "Günstlingskapitalismus", den Mangel an Transparenz und schlechte Führung der Unternehmen für die Probleme der Region verantwortlich machten?

Den Ländern wurde empfohlen, dem amerikanischen Modell zu folgen, amerikanische Wirtschaftsprüfungsgesellschaften zu engagieren und amerikanische Unternehmer ins Land zu holen, die ihnen sagen könnten, wie sie ihre Unternehmen zu führen hätten. (Dass Ostasien in den drei Jahrzehnten zuvor unter der Führung seiner eigenen Unternehmer schneller - und stabiler - als jede andere Region wuchs, wurde geflissentlich verschwiegen.) Die Enthüllungen im Enron-Skandal verleihen zwei populären amerikanischen Redensarten neuen Sinn: "Was du säst, wirst du ernten" und "Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen".

Enron benutzte ausgeklügelte Buchhaltungstricks und komplizierte Finanzprodukte, um seinen wirklichen Wert für Investoren zu verschleiern. Von Transparenz also keine Rede. Und: Enron benutzte sein Geld, um sich Einfluss und Macht zu kaufen, die Energiepolitik der Vereinigten Staaten zu bestimmen und Gesetze zu umgehen.

Nicht neu

Diese Art von Günstlingskapitalismus ist weder neu, noch ist er die Domäne einer einzigen Partei. Der frühere US-Finanzminister Robert Rubin soll angeblich im Namen von Enron versucht haben, die momentane Regierung zu bewegen, für Enron zu intervenieren. Und auch angesichts der Bereitschaft Amerikas, viele Millionen Dollar in die Stützung von Luftfahrtgesellschaften zu stecken oder neue Kartelle zum Schutz seiner Stahl- und Aluminiumindustrie zu schaffen wird man den Verdacht nicht los, dass die Ideologie des freien Marktes nur ein dünner Deckmantel für die altmodische "corporate welfare", ist: Gib denen mit den besten Verbindungen.

Nun interpretieren manche die Tatsache, dass Enron nicht finanziell unterstützt wurde und die Probleme ans Tageslicht gebracht wurden, als Beleg dafür, dass der Vorwurf des Günstlingskapitalismus ins Leere gehe. Ich deute die Sachlage anders: Es ist ein Beweis für die Bedeutung der freien Presse, die den Missbrauch zwar nicht abschaffen, aber doch einschränken kann.

Schlecht "investiert"

Als die Presse anfing, sich näher mit Enron zu beschäftigen, wurde klar, wie viele Kongressabgeordnete Geld von Enron genommen hatten. Der Konzern betrieb diese Wahlkampffinanzierung aber nicht aus Gemeinschaftssinn, sondern als Investition. Und wie so viele von Enrons Investitionen, funktionierten sie kurzfristig sehr gut, zahlten sich aber langfristig nicht aus.

Und was lernen wir daraus? Was die Politik betrifft, beweist der Enron-Skandal die Dringlichkeit einer Reform der Wahlkampffinanzierung und den akuten Bedarf an noch strengeren Gesetzen zur Offenlegung der Geldflüsse. Demokratien werden durch die Macht von Konzernen, sich Wahlergebnisse letztlich kaufen zu können, ausgehöhlt. Die Bush-Administration verweigert sich jedoch dieser Einsicht und hat daher entsprechende legistische Initiativen bisher stets blockiert.

Mehr Information!

Und was Wirtschaft betrifft: Auch hier lautet die Lektion: Mehr Information! Damit Märkte funktionieren und für eine effiziente Allokation finanzieller Ressourcen benötigen Investoren so viel Information wie möglich. Dabei geraten wir allerdings in einen Interessenkonflikt: Eigentümer und Manager haben ein natürliches Interesse daran, ein so rosiges Bild wie möglich zu präsentieren. Die Wirtschaftsprüfer sollen potenziellem Missbrauch begegnen. Wer aber bewacht die Wächter und wer prüft die Prüfer?

Wir sind sehr stark auf Anreize angewiesen. Wirtschaftsprüfer möchten ihren guten Ruf bewahren. Aber die Verbindung von Beratung und Prüfung bringt andere perverse Antriebe ins Spiel - insbesondere den, Klienten zufrieden zu stellen, die keine ungünstigen Berichte möchten.

Der ehemalige Vorsitzende der US-Wertpapier- und Börsenaufsichtsbehörde, Arthur Levitt, erkannte diesen Konflikt und ist daher auch vielleicht der heimliche Held in dem ganzen Fiasko, indem er feststellte, dass die Konzentration vieler Wirtschaftsprüfungsunternehmen auf ihre eigenen kurzfristigen Interessen die Integrität ihrer Prüfungen beeinträchtigen könnte. Prompt lehnten die Wirtschaftsprüfer und deren Klienten seinen Vorschlag, Beratung und Prüfung zu trennen, rundweg ab - kein Wunder, wenn man an das Ränkespiel denkt, das sich da entwickelte.

Was Levitt erkannte - und was die Enron-Pleite so deutlich zeigt - ist, dass Anreize eine Rolle spielen, freie Märkte aber nicht selbsttätig die richtigen Anreize bieten, sondern allenfalls Machenschaften `a la Enron stimulieren.

Statt aber dieses Problem offen anzugehen, verschließen die amerikanischen Konzerne systematisch ihre Augen davor - unterstützt vom Günstlingskapitalismus der amerikanischen Art.

Die zentrale Frage unserer Zeit ist, das richtige Gleichgewicht zwischen staatlichen Eingriffen und dem freien Markt zu finden. Die Anhänger des Status quo argumentieren damit, dass Enron eine Ausnahme ist, dass Betrug der Grund für seinen Niedergang war und dass wir ohnehin Gesetze gegen Betrug haben.

Aber vieles von dem, was Enron tat, war legal. Seine Prüfer behaupten, dass sich die zentralen Geschäftspraktiken durchaus innerhalb des gesetzlichen Rahmens bewegten und dass Tausende Firmen das Gleiche machen.

Richtige Balance finden

Das Problem ist: Sie haben Recht. Investoren müssen darauf vertrauen können, dass die ihnen zur Verfügung gestellte Information auch die tatsächliche wirtschaftliche Lage eines Konzerns widerspiegelt. Mit den momentanen Gesetzen und Kontrollmechanismen, mit Finanzderivaten und Bilanztricks haben sie aber keine Chance, Gewissheit zu erlangen. Wir brauchen bessere Standards und strengere Gesetze. Damit wird es uns zwar nicht gelingen, jeden Missbrauch abzustellen, aber wir können die richtigen Anreize schaffen.

Das Grundproblem dabei: Angesichts der Tatsache, dass wir in letzter Zeit die freien Märkte so zügellos agieren ließen und andauernd mit den fatalen Konsequenzen exzessiver Deregulierung konfrontiert waren, ist die Versuchung natürlich groß, nun in das andere Extrem zu verfallen. Die Herausforderung besteht darin, das richtige Gleichgewicht zu finden. (DER STANDARD, Printausgabe 16.2.2002)

Der Nobelpreisträger für Wirtschafts- wissenschaft 2001 lehrt an der Columbia University und war in den 90er-Jahren Leiter des wirtschaftlichen Beraterstabes des früheren US- Präsidenten Bill Clinton sowie Chefökonom und Vizepräsident der Weltbank. Copyright Project Syndicate
Share if you care.