Gehälter - Was kommt, wenn die Liebe geht

19. Februar 2002, 15:14
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Bei der Arbeitgeberwahl sollte das Gehalt nicht die Hauptrolle spielen. Denn ist erst der Unternehmensalltag eingekehrt, enttarnt sich so manche Topgage als Schmerzensgeld.

Der Bewerber hat endlich sein Traumunternehmen gefunden, die Interviewrunden inklusive Assessment-Center bravourös gemeistert und einen nach objektiven Gesichtspunkten tollen Dienstvertrag plus Audi A6 - Armaturenbrett in Wurzelholzdesign, versteht sich von selbst - ausverhandelt. Dem Karriereglück steht nichts mehr im Wege - oder doch?

Verflixtes erstes Dienstjahr

Es ist wie bei privaten Partnerschaften - nur wenige können auf ein dauerhaftes Glück vertrauen, denn: rund 1,2 Millionen Dienstverhältnisse werden in Österreich pro Jahr aufgelöst, 70 Prozent davon im ersten Dienstjahr.

Falsche Erwartungen, enttäuschte Hoffnungen, unrealistische Vorstellungen, Einstiegsschock - das sind alltägliche Bilder, wenn es um das Thema Unternehmenswechsel und Einstieg von MitarbeiterInnen geht.

Gehalt und Motivation

In vielen Fällen beruhen die Missverständnisse auf (gewollten?) Kommunikationsdefiziten und einer allzu starren Konzentration auf das Thema "Gehalt" und dessen Höhe als alleinigen Wertmaßstab. Wie bei privaten Partnerschaften kommt allzu bald die Frage: Was bleibt, wenn die Liebe geht und der (Unternehmens-)Alltag einkehrt?

Gehalt ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Eigenantriebs. Gehalt befriedigt materielle und Schutzbedürfnisse. Das sind Basiskategorien menschlicher Motivation. Darüber hinaus eröffnet das Gehalt jedem Menschen die Möglichkeit, ohne komplexe Interpretationen über direkte soziale Vergleiche seinen Status und Rang in der Gesellschaft zu bestimmen.

Gehalt als zentraler Punkt

Es verwundert daher niemanden, dass der Großteil der Dienstvertragsverhandlungen - auch zeitlich gesehen - sich um diesen zentralen Punkt dreht (bei Männern ist natürlich auch noch die Ausstattung des künftigen Dienstwagens ein beliebtes Thema). Dieser zeitliche Fokus auf das Gehalt steht häufig im krassen Gegensatz zum zeitlichen Aufwand, der für weiterführende Vereinbarungen verwendet wird, beziehungsweise das Informationsbedürfnis des Bewerbers betreffen sollte.

Ein Dienstvertrag kann als ein Leistungsangebot eines Unternehmens an einen Bewerber im Sinne einer Austauschrelation verstanden werden. Den neben dem Gehalt zu treffenden Vereinbarungen über ein Gesamtpaket, wie Bonussysteme, Fringe Benefits, All in-Vereinbarungen, Abfertigungsklauseln wird aufgrund der Komplexität zu geringe Beachtung geschenkt.

Nicht alle Verhandlungspartner spielen mit offenen Karten. Sehr zum Leidwesen des neuen Mitarbeiters, dem erst nach und nach dämmert, was das Unterschriebene in der Praxis bedeutet.

Kater nach dem Kick

Ähnlich ist es bei gängigen Bewerbungsprozessen für eine Position im mittleren Management: Nach der Analyse des Lebenslaufs, den immer wiederkehrenden und manchen überraschenden Fragen, verbleiben dem Bewerber im Durchschnitt knapp 30 Minuten, um sich ein umfassendes Bild von seinem künftigen Arbeitgeber zu machen.

Für durchschnittlich 15 Überstunden pro Woche und 1600 Normalarbeitsstunden, die der Bewerber ab Eintritt pro Jahr leisten wird, in Relation eigentlich wenig.

Macht (Geld-)Liebe blind?

Ein hohes Gehalt in einer Branche kann mit hohem Risiko verbunden sein, wie zahlreiche Beispiele der New Economy gezeigt haben.

Nach dem Kick kommt der Kater. Versteckte Aufträge an den Bewerber (wie etwa, das Chaos eines Vorgängers zu beseitigen oder jemanden abzusägen) werden erst nach Neueintritt erkannt; das hohe Schmerzensgeld erfüllt seine (Binde-)Wirkung.

Wichtige Frage, die man sich stellen sollte

Partnerschaften halten länger, wenn von Anfang an Offenheit herrscht. - "Wie ist die Unternehmenssituation tatsächlich? Wie ist das Unternehmen strukturiert? Gibt es klare Visionen und Ziele? Wie viele Opfer fordert das gepriesene Betriebsklima pro Jahr? Was sind die Erwartungen der KollegInnen? Worin besteht mein Auftrag, was sind meine Kompetenzen?" - Wer sich diese Fragen nicht stellt, läuft Gefahr, Mogelpackungen in Kauf zu nehmen, um vielleicht auch ein wenig die eigene Dissonanz zu reduzieren. In diesen Fällen wird Gehalt sehr oft einen hohen Anteil an Schmerzensgeld beinhalten. (Der Standard, Printausgabe)

Klaus Niedl, Personalleiter KSV (Kreditschutzverband von 1870), ist Referent in der nächsten Karriere Lounge am 8. März

www.gehalt.at/
www.gehalts-check.de

von Klaus Niedl

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