Lebende Bau(m)werke

15. Februar 2002, 21:44
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Bald haben Weiden wieder Hochsaison ...

Ihre Blüten - die Palmkätzchen - sind die ersten Pollenspender des Jahres und für überwinternde Fluginsekten von größtem Wert.

Welchen Nutzen wir Menschen aus der uralten Kulturpflanze Weide ziehen, ist allerdings kaum jemandem bewusst. Etwa, dass die Wirkstoffe der Weidenrinde die Basis für Aspirin bilden. Oder dass Weidenäste in ingenieurbiologischer Lebendverbauung zur Ufer- und Hangsicherung dienen. Oder dass geflochtene Weidenruten weltweit zu Körben, Zäunen oder - mit Lehm - zu Bauwerken verarbeitet werden.

Tatsächlich schießen Weidenbauten in den Niederlanden und Deutschland seit ca. zehn Jahren wie Schwammerln aus dem Boden. Das derzeit größte Bau(m)werk, der Weidendom, steht in Rostock, wo 2003 die Internationale Gartenausstellung stattfinden wird. Der Entwurf für den in Form und Ausmaßen (Gesamtlänge 52 m Kuppelköhe 18 m) mittelalterlichen Kirchen nachempfundenen Bau stammt vom süddeutschen Architekten Marcel Kalberer. Doch auch bei uns gibt es mittlerweile einige repräsentative Weidenbauten, zum Beispiel an der Alten Donau. Der Verein OPK (Offenes PlanerInnen Kollektiv) errichtete in Zusammenarbeit mit der MA 45 und der MA 49 am Eingang des Nationalparks Donauauen zwei bespielbare Kunstobjekte: ein Labyrinth und einen Wassertunnel.

"Weiden bieten sich als ideales Baumaterial an, weil sie sehr gut und schnell Wurzeln schlagen", erklärt Florian Kloidt vom OPK. "Außerdem erlaubt die enorme Elastizität von Weidenruten das Flechten und Formen."

Grundsätzlich gibt es zwei verschiedene Arten, Weiden zu verarbeiten: Die Ruten können entweder einzeln eingegraben werden, etwa für einen Flechtzaun oder einen Weidentunnel. Oder sie werden mit Draht zu so genannten Faschinen gebündelt, um stabile Konstruktionen größerer Dimensionen zu errichten.

In jedem Fall sollten die Weidenruten nicht dünner als drei und nicht stärker als acht Zentimeter im Durchmesser sein. Von den etwa 40 in unseren Breiten vorkommenden Weidensorten eignen sich die Triebe der Kopfweide am besten. Sie werden kurz vor dem Austrieb in drei bis acht Metern Länge geschnitten und möglichst sofort rund einen Meter tief in die Erde eingegraben. Bei ausreichender Bewässerung schlagen die Ruten nach einigen Wochen aus und bilden Äste und Wurzeln. Der weitere Pflegeaufwand ist gering: Formschnitt je nach gewünschter Präzision.
Marie-Therese.Gudenus
@derStandard.at

Natürlicher geht's kaum noch: Wachsende Bauwerke aus Weidenästen lösen schön langsam das traditionelle Gartenhaus ab. Architektonischer Fantasie und Größenwahn sind dabei keine Grenzen gesetzt.
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