Die Serben hören ihm wieder zu

15. Februar 2002, 19:46
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Die Verteidigungsstrategie von Slobodan Milosevic entfacht antiwestliche Gefühle neu

Am Freitag war Nationalfeiertag in Serbien. Millionen Menschen saßen zu Hause vor dem Fernseher, hörten stundenlang Slobodan Milosevic zu, sahen sich sein herablassendes Benehmen gegenüber den Richtern und den Anklägern des Haager Tribunals an. Vier Fernsehsender in Serbien übertragen den Prozess live, darunter auch der Staatsrundfunk. Schon beim ersten Auftritt des durch einen Volksaufstand im Herbst 2000 gestürzten ehemaligen Präsidenten Serbiens und Jugoslawiens stiegen die Einschaltquoten durchschnittlich um fünfzehn Prozent, bei weiter steigender Tendenz.

"Die meisten Menschen beobachten den Prozess wie ein Spektakel, kümmern sich recht wenig um Milosevic' Schicksal", sagt Meinungsforscher Srbobran Brankovic. Es sei allerdings zu erwarten, dass dieser Prozess die früher vorhandenen antiwestlichen Gefühle bei vielen Serben neu entfachen werde.

So unehrlich Milosevic' Argumentation klingen möge, wenn er über die Luftangriffe der Nato gegen Jugoslawien spricht, die vielen zivilen Opfer und die Zerstörung von zivilen Objekten, in Serbien höre sich das "sehr glaubwürdig" an, meint Brankovic. Man komme ja an den Bombenruinen in Belgrad noch heute nicht vorbei.

Mit seinem Auftritt wendet sich Milosevic in erster Linie an das serbische Publikum. Er spielt wieder den starken Mann, der für die Interessen des serbischen Volkes kämpft, er verwandelt die Anklage gegen ihn in eine Anklage gegen die Nato. Nach dem Motto "Ein Volk, ein Land, ein Führer", gelingt es ihm, von der Anklagebank des Tribunals aus bei vielen Serben das Gefühl zu erwecken, dass nicht ihm, sondern dem ganzen Volk der Prozess gemacht werde.

"Wenn sich dieses komische Tribunal schon mit den Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien befasst, dann sollten die Kommandanten der Nato und die Chefs der Mitgliedsstaaten neben Milosevic auf der Anklagebank sitzen", meint ein pensionierter Offizier der jugoslawischen Armee. Wenn auch nur deshalb, weil die Nato 1999 das Zentrum der südserbischen Stadt Nis mit den "durch die Genfer Konvention verbotenen Clusterbomben am helllichten Tage" bombardiert habe. Die bisher verunsicherte Gefolgschaft von Milosevic fasst wieder Mut. Sein Auftritt stärkt auch die um Staatspräsident Vojislav Kostunica versammelten national-konservativen Kräfte, die das Haager Tribunal als eine "politische Institution" bezeichnen. In dieser Stimmung wird es für den pro-westlich orientierten Premier Serbiens, Zoran Djindjic, immer riskanter, andere Angeklagte an das Tribunal auszuliefern. Eines hat Milosevic jedenfalls schon jetzt erreicht: Das serbische Volk hört ihm wieder zu.(DER STANDARD, Print vom 16.2.2002)

Von Andrej Ivanji aus Belgrad
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