Der Weg in die zweite Republik

15. Februar 2002, 20:02
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Die Implosion der DC, heimatlose Wähler und der Aufstieg Silvio Berlusconis

Rom - Die Mailänder Staatsanwälte sprengten 1992 das stabilste politische Gefüge Europas: Seit Kriegsende war - trotz mehr als 50 Regierungswechseln - in Rom nur eine Partei an der Macht, die Democrazia Cristiana (DC). Kleine Zugeständnisse in der Machtaufteilung wurden nur Ende der 70er-Jahre an die Kommunisten gemacht, dann wurden die Sozialisten Bettino Craxis mit ins Boot geholt.

Die Regierungsparteien DC und PSI, die zusammen immerhin 50 Prozent des Wahlvolks repräsentierten, verschwanden nach dem Aufbrechen des Skandals innerhalb weniger Monate von der Bildfläche. Entsetzt verfolgten die Wähler im Fernsehen die Prozesse gegen ihre Führer, mussten mitanhören, wie ihre bis dahin verehrten Vertreter kleine und große Gaunereien gestanden.

PSI-Chef Bettino Craxi wurde von einer aufgebrachten Menge gar aus dem Land ins tunesische Exil gejagt; ein Mob versuchte sogar den ehemals Mächtigen zu lynchen. Hohe DC-Strategen fanden sich anstatt auf Parlamentsbänken im Gefängnis wieder oder mussten als Ersatz Sozialarbeit ableisten.

Die zweite Republik war geboren: Die Hälfte der Wähler hatte ihre Führung verloren. Als Erster reagierte ein Mailänder Großunternehmer mit bis dahin exzellenten Kontakten zu Craxi: Silvio Berlusconi konnte schnell das heimatlose Wahlvolk der rechten Mitte für sich vereinnahmen. Mit seiner streng nach Firmenregeln aus dem Boden gestampften Partei Forza Italia gelang es dem Medienzaren 1994 - ein halbes Jahr nach seinem Einstieg in die Politik -, als Premier in Rom einzuziehen; nach sechs Monaten scheiterte er am internen Streit mit Koalitionspartner Lega Nord.

Umberto Bossi war der zweite Aufsteiger im machtleeren Raum; der Volkstribun sprach mit seinen markigen Sprüchen ein Publikum an, das nach Ordnung in diesem Chaos der untergehenden politischen Welt rief. Auch Gianfranco Fini bewies politischen Instinkt und führte seine bislang am rechten Rand isolierte postfaschistische Partei rasch Richtung Mitte, taufte sie in Alleanza Nazionale um, öffnete sie den verbliebenen Vertretern der alten DC, drängte die faschistischen Haudegen in den Hintergrund.

Einer der Mailänder Hauptakteure betrat ebenfalls die politische Bühne: Staatsanwalt Antonio Di Pietro wechselte in die Politik, wurde in den Senat gewählt, konnte in der nach dem Anfangschaos sich wieder konsolidierenden politischen Landschaft mit seiner Kleinpartei "Italien der Werte" aber nicht mehr richtig Fuß fassen.

Den Vorwurf Berlusconis, die "roten Roben" hätten nur die rechte Reichshälfte aufgemischt, lassen die Richter nicht gelten; gegen alle Parteien sei ermittelt worden, auch führende Postkommunisten saßen auf der Anklagebank, mussten aber freigesprochen werden, weil man nichts nachweisen konnte. (DER STANDARD, Print vom 16.2.2002)

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    foto: ansa/ filippo monteforte
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