Qualifikation als Maß aller Dinge

15. Februar 2002, 17:23
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Arbeitsmarkt-Enquete: Firmen richten Weiterbildung primär an Jungen und gut Ausgebildeten aus

Wien - Darüber waren sich - von Wirtschaftsminister Martin Bartenstein bis zu Arbeiterkammerpräsident Herbert Tumpel - alle einig: Bei derzeit knapp 300.000 Arbeitslosen sei Qualifikation der beste Schutz gegen den Jobverlust. Dies war einer der wenigen gemeinsamen Nenner, auf die sich die Experten bei der am Freitag in der Wiener Hofburg stattgefundenen Enquete zum Thema "Neue Wege zum Arbeitsmarkt" einigen konnten.

Schon bei der Frage, wer an der oft zu geringen oder falschen Qualifikation Schuld trage, schieden sich die Meinungen. Und auch daran, ob eine Flexibilisierung der Arbeitszeit einen positiven Effekt auf den Arbeitsmarkt habe, wie Bartenstein erwartet, oder dies die Leute nur um ihre Überstundenzuschläge bringen soll, wie Arbeitnehmervertreter argumentieren.

Bartenstein will, "um rechtliche Grauzonen zu vermeiden", tägliche Normarbeitszeiten bis zu zwölf Stunden gesetzlich fixieren, weil dies für ihn "genauso ein Schlüssel zu gesicherten Arbeitsplätzen wie die Bereitschaft zu mehr Mobilität und zu höherer Qualifikation sei".

Problemgruppen außen vor

Zu Letzterem meinte Wirtschaftskammergeneral Reinhard Mitterlehner aber, dass etwa "93 Prozent der Arbeitnehmer über 60 nie Weiterbildungskurse besuchen würden". Der Konter von AK-Präsident Tumpel darauf: Nicht die Arbeitnehmer seien qualifizierungsträge, sondern die Firmen, die ihre internen Weiterbildungsmaßnahmen primär auf Junge und sowieso gut Ausgebildete fokussieren. Problemgruppen, wie Ältere etwa, würden links liegen gelassen.

Es dürften keine Mittel des Arbeitsmarktservice (AMS) mehr Richtung Budget umgeschichtet werden, unterstrich ÖGB-Sekretär Richard Leutner dezidiert die Forderung, "diese Mittel der treffsicheren Weiterbildung zukommen zu lassen". Schließlich werde sich bis 2005 "an der derzeitigen Dramatik am Arbeitsmarkt nicht viel ändern". Wie der Standard bereits berichtete, nehmen die Arbeitsmarktforscher von Synethsis in einem Worst-Case-Szenario bis dahin ein weiteres Ansteigen der Arbeitslosenquote auf bis zu 7,2 Prozent an.

Fehlende Facharbeiter

Magna-Steyr-Konzernsprecher Andreas Rudas hält jedenfalls "die fehlenden, technischen Facharbeiter für das weit größere Problem als die Frage moderner Arbeitszeitmodelle".

Die Arbeitszeitflexibilität in Österreich sei durchaus mit der in den USA vergleichbar, legt Tumpel noch nach. Dies wurde etwa am Beispiel Philips deutlich, wo - in einem von den Arbeitnehmern entwickelten Modell - 250 Leute bereits an drei Tagen in der Woche zwölf Stunden tätig sind. (Monika Bachhofer, DER STANDARD, Printausgabe 16.2.2002)

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