Traum vom Lebensjob ist ausgeträumt

12. März 2002, 17:39
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Lernen, und zwar lebenslang. Das scheint ein Schlüssel für Beschäftigung zu sein und die einzige Medizin, die gegen Arbeitslosigkeit wirkt.

Viele Millionen neuer Jobs sind Ende der Neunzigerjahre weltweit entstanden, Zigtausende davon auch in Österreich. Der Traum von flexibler Arbeitszeit und gutem Einkommen in der New Economy währte jedoch nur kurz. Mit dem Bankrott vieler Internetfirmen standen plötzlich auch bestens qualifizierte Leute auf der Straße.

Trotzdem ist Arbeitslosigkeit noch immer ein Schicksal, das hauptsächlich Menschen in fortgeschrittenem Alter und mit keiner bis schlechter Ausbildung trifft. Von den knapp 300.000 Personen, die in Österreich im Jänner ohne Arbeit waren, verfügten rund 240.000 nur über eine Volksschulbildung.

Weiterbildung und lebenslanges Lernen werden nach Ansicht von Gundi Wentner vom Personalberatungsunternehmen Wentner & Havranek in Zukunft einen noch größeren Stellenwert haben als bisher. Die Zahl der Arbeitsplätze in produktionsnahen Bereichen werde auch in Österreich in den kommenden Jahren weiter zurückgehen. Anstelle von Fließbandarbeiten sei verstärkt "Wissensarbeit" gefragt. "Die Wertschöpfung wird in Zukunft aus der Innovation kommen", gab sich Wentner überzeugt.

Als weiteren Trend machte die Personalberaterin eine fortgesetzte Flexibilisierung bei der Arbeitszeit und bei den Arbeitsverhältnissen aus. Teilzeitarbeit werde zunehmen, die Zahl der geringfügig Beschäftigten weiter steigen.

Jobs wackeln

Bei großen Unternehmen mit internationalen Eigentümern sei schon seit längerer Zeit die Tendenz zu beobachten, Forschungs- und Entwicklungsabteilungen in die Nähe der Konzernzentralen zu transferieren. Jobs in der Produktion würden mehr und mehr dort entstehen, wo die Arbeit billiger ist, etwa in mittel- und osteuropäischen Beitrittsländern. Verwaltungseinrichtungen hingegen würden vermehrt in Steueroasen ausgelagert. Diese Entwicklung wirke sich ebenfalls nachteilig auf den Arbeitsmarkt in Österreich aus.

Wirtschafts- und Arbeitsminister Martin Bartenstein sah die Lage weniger dramatisch und setzte auf den Wirtschaftsaufschwung. "Wir gehen davon aus, dass das Wiederanspringen der Konjunktur mit drei- bis sechsmonatiger Verzögerung auch die Situation am Arbeitsmarkt verbessern wird", sagte der Minister. Allein durch die im Rahmen des Generalver- kehrsplans beschlossenen Investitionen in den Schienen-und Straßenausbau sollten heuer 8000 bis 10.000 zusätzliche Arbeitsplätze entstehen; im Jahr 2003 sollten dann nochmals rund 12.000 neue Jobs zu den bereits bestehenden dazukommen.

Zusätzliche Mittel für aktive Arbeitsmarktpolitik hält Bartenstein in der derzeitigen Situation nicht für notwendig. "Das Arbeitsmarktservice hat auch heuer wieder rund 800 Millionen Euro (etwa elf Milliarden Schilling) für aktive Arbeitsmarktpolitik zur Verfügung und hat gute Projekte laufen. Das sollte reichen."

Sepp Rieder, Finanzstadtrat in Wien und Vizebürgermeister der besonders arg von Langzeitarbeitslosigkeit gebeutelten Bundeshauptstadt, war gegenteiliger Ansicht. Gerade in Zeiten, wo die Arbeitslosigkeit wieder stark steigt, sollten mehr Mittel für aktive Arbeitsmarktpolitik zur Verfügung stehen.

Die Arbeitslosigkeit sei auch "Ausdruck struktureller Verschiebungen", sagte Rieder, und da müssten mehr Mittel für Qualifizierungsmaßnahmen bereitgestellt werden. Zusammen mit dem AMS Wien werde der Wiener Arbeitnehmerförderungsfonds (WAFF) nun eigene Schulungsprogramme in die Wege leiten. Außerdem werde man in Anlehnung an das deutsche Kombi-Lohnmodell für den Niedriglohnbereich auch in Wien eine ähnliche Initiative starten. Rieder: "Wir wollen uns anschauen, was das bringt." Bei dem in Rheinland-Pfalz erprobten Modell erhalten Langzeitarbeitslose und Sozialhilfeempfänger bei Aufnahme einer Arbeit Zuschüsse zu den Sozialversicherungsbeiträgen.

Kombi-Lohn fraglich

Bartenstein zeigte sich davon wenig angetan. Berechnungen zufolge würde der Kombi-Lohn in Deutschland nur rund 30.000 neue Jobs bringen. "Heruntergebrochen auf Österreich wären das 3000 Arbeitsplätze. Ich glaube, dass wir mit der besonderen Eingliederungshilfe in Österreich besser fahren und dass das AMS diesen Weg weitergehen sollte", sagte Bartenstein.

Qualifikation war auch für Wolfgang Tritremmel von der Industriellenvereinigung der Schlüssel für mehr Beschäftigung. Man müsse sich "zukunftsfähig halten durch laufendes Dazulernen".

Wie Bartenstein wies Tritremmel darauf hin, dass Österreich im EU-Vergleich die drittniedrigste Arbeitslosenrate hat. Nur die Niederlande und Luxemburg hatten in den vergangenen Monaten noch weniger Leute auf Jobsuche. Die Verwaltungsreform müsse weiter vorangetrieben werden, das dadurch frei werdende Geld könnte für Qualifizierungsmaßnahmen eingesetzt werden.

Nach Ansicht von Georg Ziniel, Sozialexperte der Arbeiterkammer, sind die existenzsichernden Leistungen in Österreich "viel zu gering". Arbeitslosigkeit stelle für viele Personen eine Bedrohung dar, weil es oftmals extrem schwer sei, nach dem Jobverlust sofort wieder eine neue Anstellung zu finden. Auf den Konjunkturaufschwung zu hoffen sei zu wenig. Die öffentliche Hand müsse vermehrt in Schulungen investieren, forderte Ziniel. (Der Standard, Print-Ausgabe)

Die Situation am Arbeitsmarkt war Thema der Montagsdiskussion von Standard und Radio Wien

von Günther Strobl
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