Bankenexperte sieht Mitschuld der Banken an Kirch-Krise

15. Februar 2002, 13:20
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Zu großzügig bei Vergabe von Krediten

Die Gläubiger-Banken tragen nach Einschätzung des renommierten deutschen Bankenexperten Wolfgang Gerke eine Mitverantwortung für die Finanzkrise der KirchGruppe. "Bei jedem Kunden, der in Schwierigkeiten gerät, trägt der Finanzier eine Mitschuld", sagte Gerke am Freitag in München. Im Fall Kirch seien die Banken wahrscheinlich zu großzügig bei der Vergabe von Krediten gewesen.

"Klumpenrisiko"

Es sei geschäftspolitisch wohl nicht richtig gewesen, ein so genanntes "Klumpenrisiko" einzugehen, also sehr hohe Beträge an einen Kunden zu vergeben. Allerdings lasse sich das hinterher immer leichter beurteilen. Gerke ist Professor am Lehrstuhl für Bank- und Börsenwesen an der Universität Erlangen-Nürnberg

Er gehe davon aus, dass die Banken nicht gegen irgendwelche Regeln verstoßen hätten, sagte Gerke. Allerdings zeige der Fall Kirch wieder einmal, dass Konzerne ab einer gewissen Größe großzügiger Kredite erhielten als beispielsweise mittelständische Unternehmen.

Wettrennen der Banken

Die Schulden der KirchGruppe belaufen sich auf etwa fünf bis sechs Mrd. Euro (bis 82,6 Mrd. S). Derzeit verhandeln die Banken untereinander und mit der KirchGruppe über einen Ausweg aus dem derzeitigen Engpass. Ein wahrscheinliches Szenario sei, dass es jetzt ein Wettrennen der Banken gebe, wer zuerst seine Kredite eintreibe, sagte Gerke. "Die wollen ihre Schäfchen ins Trockene bringen."

Gerade die Institute, deren Kredite nicht so gut besichert seien, stünden unter Druck. Neben der Bayerischen Landesbank könnte dies nach Einschätzung Gerkes möglicherweise auch die HypoVereinsbank sein. Diese hatte Kirch in einer Stützungsaktion etwa 1,1 Mrd. Euro für seine Beteiligung am Springer Verlag geboten und dem Kunden so finanziell Luft verschafft. (APA/dpa)

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