Protokoll eines geistigen Zerfalls

15. Februar 2002, 13:13
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Sarah Kanes "4.48 Psychose" hat Österreich-Premiere

München - Die Depression war pünktlich. Regelmäßig um 4 Uhr 48 wachte Sarah Kane auf und durchlebte in dieser dunklen Stunde zwischen Nacht und Tag Momente größter Hellsichtigkeit. Das durch eine Psychose ausgelöste innere Chaos wurde dadurch allerdings nicht geringer. Mit größter Disziplin fertigte die Dramatikerin ein Protokoll jenes geistigen Zerfalls an, den sie gerade an sich selbst erlebte. Kurz darauf, im Februar 1999, wenige Tage nach ihrem 28.Geburtstag, erhängte sich Sarah Kane in einer Klinik, in die sie nach einem Selbstmordversuch eingeliefert worden war. Ihr Stück "4.48 Psychose" wurde im Juni 2000 uraufgeführt, am Sonntag (17.2., 20 Uhr) kommt es im Burgtheater-Kasino zur Österreichischen Erstaufführung.

Sarah Kane galt als größtes Talent des britischen Gegenwartstheaters. 1995 wurde ihr Stück "Blasted" ("Zerbombt") auf der kleinen Studiobühne des Royal Court Theatre in London uraufgeführt. Die scheinbar krude Mischung aus Gewalt und Wertezerfall, umgesetzt mit einer Dramaturgie der Bruchstücke und in fragmentarischen Dialogen, die zwischen Realismus und krasser Überhöhung eine ganz eigene Sprache suchten, sorgte für einen Theaterskandal. Es folgten "Phaidras Liebe" ("Phaedra`s Love", 1996), "Gesäubert" ("Cleansed", 1998) und "Gier" ("Crave", 1998) - Stücke, mit denen Kane ihre Ausnahmestellung in der zeitgenössischen Dramatik unterstrich.

"Alles kam aus ihrem Herzen"

"Ihre Theatergötter waren Beckett, Pinter, Bond und Potter, aber alles, was sie schrieb, basierte auf ihrer eigenen Erfahrung und kam aus ihrem Herzen", schrieb James Macdonald, der Ko-Direktor des Royal Court Theatre, in einem Nachruf. Er hatte eng mit Sarah Kane zusammengearbeitet, ihre Stücke "Blasted" und "Cleansed" uraufgeführt. Nach ihrem Tod übernahm er auch die Uraufführung von "4.48 Psychose" - eine schwierige Gratwanderung zwischen persönlicher Betroffenheit, inhaltlicher Schärfe und formaler Herausforderung.

Der Text leuchtet aus vielen Perspektiven in ein schwarzes Loch, wechselt zwischen Positionen, die Beobachter, Arzt und Patient zugeschrieben werden können, kennt aber keine fixen Rollenzuschreibungen. Anders als etwa die Aufführung, die Falk Richter vor wenigen Wochen in einer Koproduktion der Berliner Schaubühne und des Zürcher Schauspielhauses auf die Bühne brachte, teilte Macdonald den Text nicht auf vier, sondern auf drei Schauspieler auf. Eine Umsetzung, die er nun auch für seine Inszenierung im Burgtheater-Kasino beibehält. Es spielen Maria Hengge, Heike Kretschmer und Lukas Miko. (APA/dpa)

"4.48 Psychose" von Sarah Kane, Voraufführung am 16.2., 10 Uhr. Premiere am 17.2., 20 Uhr, im Burg-Kasino am Schwarzenbergplatz

Weitere Aufführungen: 18., 19., 20., 27.2.

Karten: (01) 513 1 513 oder auf derWebseite des Burgtheaters
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