Suizidgefahr bei Häftlingen könnte leicht gesenkt werden

15. Februar 2002, 20:00
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Gefängnissinsassen leiden meist an behandelbaren psychiatrischen Erkrankungen

London - Ehemals holte der Beginn der modernen Psychiatrie die psychisch Kranken aus den Gefängnissen heraus und etablierte die Behandlung in eigens geschaffenen Spitälern. Doch noch immer sind die Haftanstalten der westlichen Welt offenbar mit Personen gefüllt, die medizinisch wegen psychischer Leiden behandelt gehören. Jeder siebente Gefängnisinsasse leidet an solchen Erkrankungen. Das geht jetzt aus einer Analyse hervor, die in der neuesten Ausgabe der britischen Medizin-Fachzeitschrift "The Lancet" publiziert wird.

Dr. Seena Fazel von der Universität von Oxford und Dr. John Danesh aus Cambridge haben die Daten aus insgesamt 62 wissenschaftlichen Studien über die psychische Situation von Häftlingen in zwölf Staaten der westlichen Welt analysiert. Es handelte sich um 22.790 Gefängnisinsassen mit einem Durchschnittsalter von 29 Jahren. 81 Prozent waren Männer. Bei rund einem Viertel handelte es sich um Personen, die wegen Gewaltdelikten zu Haftstrafen verurteilt worden waren.

Höher Anteil an psychisch Kranken

Ein hoher Anteil an psychisch Kranken, die dringend behandelt gehörten:

- Vier Prozent der Männer wiesen Psychosen auf (Schizophrenie etc.), ebenso vier Prozent der weiblichen Gefängnisinsassen. - Zehn Prozent der männlichen Häftlinge insgesamt litten an schweren Depressionen, bei den Frauen waren es zwölf Prozent. - 65 Prozent der männlichen Häftlinge und 42 Prozent der weiblichen zeigten Symptome von schweren Persönlichkeitsstörungen. - 47 Prozent der Männer wiesen gravierende Verhaltensstörungen auf. Das traf auch auf 21 Prozent der Frauen im Gefängnis zu.

Mehr Depressionen als in der Gesamtbevökerung

Insgesamt lag damit der Anteil der Personen mit Psychosen oder Depressionen bei Zwei- bis Vierfachen im Vergleich zur Häufigkeit solcher Erkrankungen in der Gesamtbevölkerung. Die Häufigkeit der Verhaltensstörungen beträgt unter Gefängnisinsassen offenbar sogar das Zehnfache im Vergleich zur breiten Bevölkerung. Weltweit geht man von neun Millionen Gefängnisinsassen aus.

Seen Fazel: "Da offenbar weltweit einige Millionen Häftlinge schwerwiegende psychische und psychiatrische Probleme haben, sollten die Gesundheits-Services in den Justizanstalten mancher Länder überprüfen, ob sie für dieser Herausforderungen gerüstet sind." Vor allem die mit psychischen Leiden verbundene Selbstmordgefahr unter Gefängnisinsassen könnte dadurch bekämpft werden.(APA)

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