Milosevic setzt seine Verteidigung fort

15. Februar 2002, 11:08
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Im zweiten Teil seiner Stellungnahme klagt Milosevic erneut den Westen an: Von der "Friedenspolitik" zur verbrecherischen Politik

Belgrad/Den Haag - Der frühere jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic hat vor dem UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag seine Stellungnahmen zu den Anklagen wegen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord im Kosovo, Bosnien-Herzegowina und Kroatien fortgesetzt. Milosevic war am Donnerstag bemüht gewesen, sein Handeln als Kampf gegen den Terrorismus und sich selbst als Opfer der verdrehten Wahrheit und von Unterstellungen zu präsentieren. Seiner Ansicht nach wird vom Tribunal nicht nur er, sondern sein ganzes Volk angeklagt.

Der frühere Präsident hatte einen großen Teil seiner Verteidigungsrede in eine Anklage gegen die NATO-Allianz wegen der Luftangriffe gegen Jugoslawien im Frühjahr 1999 verwandelt. Milosevic beschuldigte die NATO-Staaten, in koordinierter Aktion mit "albanischen Terroristen im Kosovo" zusammengewirkt zu haben. Die Luftangriffe seien laut Milosevic nicht darauf abgezielt gewesen, einer humanitären Katastrophe im Kosovo vorzubeugen, sondern ein ganzes Volk, das jugoslawische (Anm. gemeint sind alle Volksgruppen), zu vernichten. Auch sollten sie einen Präzedenzfall für einen künftigen Gewalteinsatz ohne Zustimmung der Vereinten Nationen und ihres Sicherheitsrates schaffen.

Gestern Lob, heute Verurteilung für Politik?

Die Belgrader Anwälte von Milosevic bekundeten Zufriedenheit mit seinen Ausführungen. Sie hatten für den heutigen Freitag erneut Videoaufnahmen in Aussicht gestellt. Auch wird Milosevic all jene westlichen Politiker zitieren, die einst in Begegnungen mit ihm seine "Friedenspolitik" gelobt und ihn auch als "Friedensfaktor auf dem Balkan" bezeichnet hatten. Die These ist: Wieso könnten er und sein Staat nun der verbrecherischen Politik bezichtigt werden, da er ja einst dafür breites internationales Lob erhalten habe.

Der Prozess gegen Milosevic hatte am Dienstag begonnen. Das Verfahren vor dem Haager Kriegsverbrechertribunal wird nach Einschätzung von Del Ponte etwa zwei Jahre dauern. Dem früheren jugoslawischen Staatschef droht lebenslange Haft.(APA)

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