Der große Dirigent Günter Wand ist tot

15. Februar 2002, 14:21
posten

Trauer und Betroffenheit in der Musikwelt

Hamburg - Trauer und Betroffenheit hat der Tod des großen Dirigenten Günter Wand in der Musikwelt ausgelöst. Der Künstler war am Donnerstag, einen Monat nach seinem 90. Geburtstag, in seinem Wohnort Ulmiz in der Schweiz gestorben. Christoph Eschenbach, Chefdirigent des NDR-Sinfonieorchesters und künstlerischer Leiter des Schleswig-Holstein Musik Festivals, sagte: "Durch seine kompromisslose Haltung, seine Ernsthaftigkeit und sein untrügliches musikalisches Gespür wurde Günter Wand zum Vorbild von Generationen. Für ihn stand das Kunstwerk und dessen konzentrierte Vermittlung stets im Zentrum."

Vor allem mit seinen Bruckner-, Schubert- und Brahms- Interpretationen hatte Wand auch international große Anerkennung gefunden. Kurz vor seinem 90. Geburtstag brach sich der Dirigent bei einem Sturz zu Hause einen Arm, wovon er sich offenbar nicht mehr erholen konnte.

Einer der "ganz Großen"

Auch die Berliner Philharmoniker zeigten sich tief betroffen vom Tod des Dirigenten. Noch für März war dort die Aufführung von Bruckners sechster Sinfonie geplant. Mit dem Berliner Orchester hatte Wand bereits 1949 Bruckner-Werke aufgeführt. Der Intendant des Hamburg Balletts, der Choreograf John Neumeier, würdigte den Dirigenten als einen der "ganz Großen". "Leider habe ich nur einmal mit ihm gearbeitet. 1971 dirigierte er in Frankfurt, als ich mein frühes Ballett 'Orpheus und Eurydike' auf die Bühne brachte. Er hat mich damals ungeheuer beeindruckt", sagte Neumeier. Der Intendant des Norddeutschen Rundfunks, Jobst Plog, würdigte den langjährigen Chef- und Ehrendirigenten des NDR-Sinfonieorchesters als einen "herausragenden Dirigenten voller Emotionalität und Autorität".

In Japan, wo der Künstler besonders verehrt wurde, schrieb ein Kritiker der Tageszeitung "Asahi Shimbun", Wand habe sich in einer Zeit der "Gleichmacherei von Tönen" an die Wurzeln musikalischer Tradition gehalten und am Pult eine geheimnisvoll-religiöse Ausstrahlung gehabt. Der Musiker ohne Allüren, der allein die Arbeit an der Musik in den Mittelpunkt stellte, gehörte zu den herausragenden deutschen. Erst im Alter erlangte er auch internationalen Ruhm. Er war der letzte des berühmten Dirigentenjahrgangs 1912, zu dem auch Georg Solti und Sergiu Celibidache gehörten.

Maßstäbe gesetzt

Wands Interpretationen romantischer Musik, vor allem von Bruckner-Sinfonien, haben nach Meinung von Kritikern Maßstäbe gesetzt. Seine ersten Opern dirigierte der am 7. Jänner 1912 in Elberfeld geborene Musiker zwar schon mit 18 Jahren, doch erst nach seiner Pensionierung als Generalmusikdirektor des Gürzenich-Orchesters in Köln im Jahr 1974 setzte er sich international durch. Seine Auftritte füllten Säle, seine Platteneinspielungen wurden von der Fachkritik begeistert rezensiert. Noch im vergangenen Sommer leitete Wand das gefeierte Eröffnungskonzert des Schleswig-Holstein Musik Festivals. Von 1982 bis 1990 war er Chefdirigent des NDR-Sinfonieorchesters in Hamburg und bis zuletzt dessen Ehrendirigent. (APA/dpa)

Share if you care.