"Was wollen Sie damit beweisen?"

15. Februar 2002, 11:17
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Am dritten Prozesstag in Den Haag versuchte Slobodan Milosevic den Spieß umzudrehen: mit einer medial untermauerten Anklage gegen die Ankläger.

Den Haag - Zwei Tage lang hatte das Anklägerteam am Haager Kriegsverbrechertribunal die Essenz seiner Anschuldigungen und die Grundlinien der Beweisführung dargelegt. Nun erhielt am Donnerstag der Angeklagte Slobodan Milosevic das Wort, um sein Eröffnungsplädoyer zu halten. Der Expräsident Serbiens und Jugoslawiens, des Völkermords und schwerer Verbrechen gegen die Menschlichkeit beschuldigt, nutzte die Gelegenheit zu einer mehrstündigen, rhetorisch starken, von Selbstherrlichkeit strotzenden Rede, deren zweiter Teil von Richter Richard May aus Zeitgründen auf den heutigen Freitag vertagt werden musste.

Am Anfang bewies Milosevic, dass auch er sich der Klaviatur multimedialer Effektsteigerung zu bedienen weiß, wie sie die Ankläger in den Tagen zuvor eingesetzt hatten: Bevor er noch einen Satz von sich gegeben hatte, ließ er zwei Beiträge aus den ARD-Magazinprogrammen "Monitor" und "die story" in den Gerichtssaal einspielen, die sich breit und weit mit angeblichen und wirklichen Unwahrheiten von Nato-Sprechern und deutschen Politikern während der Luftangriffe gegen Jugoslawien im Frühjahr 1999 auseinander setzten und die wegen der einseitigen Problematisierung dieses Themas selbst unter Propagandaverdacht fielen.

Milosevic genoss es offensichtlich, seine Propaganda durch die Propaganda des "Klassenfeindes" erledigen zu lassen: "Dies ist nur ein Splitter, ein kleiner Splitter der Wahrheit im Ozean der Lügen, im Missbrauch der globalen Medien zur Kriegsführung gegen mein Land." Das saß, zugegebenermaßen.

Populistisches Talent

Im folgenden Auftritt wurde deutlich, dass es Milosevic' enormes populistisches Talent war, das ihn in Serbien an die Macht hievte und für Jahre zum Herrn über Krieg und Frieden auf dem Balkan machte. "Was wollen Sie damit beweisen?", schleuderte er immer wieder den Anklägern entgegen. Offenbar hatte er in den vergangenen Tagen unter dem Pokerface doch recht aufmerksam den Ausführungen des Teams zugehört.

"Was wollen Sie damit beweisen?", fragte er zu den Darstellungen der Ankläger, welche informellen Verbindungen ihn zum bestimmenden Lenker aller bewaffneten Formationen unter serbischer Fahne - vor allem der in der formal von Restjugoslawien abgetrennten bosnischen Serbenrepublik - gemacht haben sollen. "Die Verantwortlichkeiten sind klar in unserer Verfassung geregelt. Warum hätten wir es anders machen sollen? Damit schaffte man sich ja nur Chaos."

"Was wollen Sie damit beweisen?", konterte Milosevic die Äußerung der Ankläger, dass die höchsten Militärs der jugoslawischen Streitkräfte, die die Massenvertreibung der Kosovo-Albaner mit organisiert haben sollen, anschließend mit Orden dekoriert wurden. In jeder Armee würden die Helden dekoriert.

Srebrenica? Dazu fiel ihm nichts ein

"In der serbischen Militärtradition ist es ein heiliges Prinzip, Kriegsgefangenen und Unbewaffneten nichts anzutun." Srebrenica? Dazu fiel ihm nichts ein. Die Belagerung von Sarajewo? Die Regierung in Belgrad habe den Artilleriebeschuss verurteilt. Dass sie weiter den Sold der Grenadiere bezahlte, erwähnte er nicht. Die Todeslager in Nordwestbosnien? "Man hat mir mehrfach versichert, dass es nur Gefängnisse zum Festhalten von Kriegsgefangenen gebe." Die Vertreibung der Kosovo-Albaner? Die seien bloß vor den Nato-Bomben davongelaufen.

Damit war Milosevic bei seinem eigentlichen Thema: Haltlosigkeit und Bösartigkeit der Anklage bewiesen nichts anderes, als dass dies ein "falsches" Gericht sei, installiert, "um die Verbrechen zu verschleiern, die 19 Nato-Länder an meinem Land begangen haben". Wenn Amerika "ans andere Ende der Welt" gehe, um den Terrorismus zu bekämpfen, dann sei das logisch, wenn hingegen ein kleines Land "den Terrorismus im eigenen Herzen bekämpft, dann ist das ein Verbrechen".(Der STANDARD, Printausgabe 15.2.2002)

Von STANDARD-Mitarbeiter Gregor Mayer aus Den Haag
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