Der Schimpf aus Daseins Tiefe

14. Februar 2002, 20:35
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Der Schimpf des Michel Houellebecq hat Konjunktur: An allen Ecken und Enden wird an der Demontage des linken Fortschrittspathos gearbeitet

Während sich aufrichtige Liberale noch über die inkorrekten Sager des Literaten Michel Houellebecq aufregen, hat dessen Schimpf Konjunktur: An allen Ecken und Enden wird an der Demontage des linken Fortschrittspathos gearbeitet, meint Ronald Pohl.


Foto: APA/dpa/Boris Roessler
Friedenspreisträger Jürgen Habermas
verficht ohne Unterlass die Sache der
vernünftigen Argumentation...

Wien - Autoren wie der todtraurige Michel Houellebecq proben den Aufstand der Käsegesichter. Als hätte der urban vermasste Mitteleuropäer zum Millennium auch noch darauf vergessen, das eigene Ableben als rauschendes Fest zu begehen, handeln Houellebecqs Bücher von der Freudlosigkeit des "Überlebens".

Der Kreis der säkularen Weltverlierer

Houellebecqs Heldenfiguren sind sentimentale Spinner; man wirft dem Autor dafür von liberaler Seite vor, dass er in etwa so borniert argumentiert wie einer seiner armen, onanierenden Tröpfe. Sie alle gehören, nachdem sie dem Pathos ihres Daseins abgeschworen haben, dem Kreis der säkularen Weltverlierer an. Alles geht unter der zyklischen Schirmherrschaft der Konjunkturen seinen ewig gleichen, konsumorientierten Gang. Keine tiefer ins Mark reichende Erschütterung übersteigt den Sinn-Horizont der jeweils günstigsten Kaufangebote. Der Rest, so Houellebecq, sind Vorteilsverschreibungen: kleine Zertifikate für schuldigen Genuss.

Foto: REUTERS/Leonhard Foeger
... und gerät sich darüber mit dem
Philosophen Peter Sloterdijk, seinem
Antipoden, verlässlich in die Haare.

Das bisschen Glück, das ein mittelständischer Verlierer den globalen Konsumangeboten demnach abtrotzt, wartet gut geölt auf den Massageliegen thailändischer Prostituierter. Es bezaubert mit der Dienstfertigkeit einer verrufenen Ethik der liebenden Handreichung. Warum sollte Houellebecq das Unglück in der Dritten Welt auch noch eigens mit reflektieren?

Die letzte totale Lockerung des aufgeklärten Zynikers

Im schnöden Petting erfährt der umfassend über sich aufgeklärte Zyniker die letzte, sozusagen totale Lockerung. Wie käme man da auf die Idee, ihm zuzurufen, dass der "gelungene" Sex nicht die Seele gesund macht? Das leicht schmutzige Achselzucken Houellebecqs ist über das eigene Desinteresse an einer "vernünftigen" Einrichtung der Welt hinlänglich aufgeklärt. Aber es erschüttert auch die saubere Ordnung des Diskurses.

Dieser ist seit bald 40 Jahren auf ein Pathos der grundsätzlichen Zustimmung gegründet. Er lobt die angeblich unerschöpflichen Möglichkeiten des sich zivilisierenden Individuums pflichtschuldig aus. Er setzt an die Stelle Gottes die liebe Vernunft hin. Er predigt Techniken des Einverständnisses und pocht auf ein solches, im Vertrauen auf die arteigene Geselligkeit, gleich im Voraus.


Jagd auf Folklore

Solche Wertvorschreibungen kennzeichnen längstens seit '68 die intellektuelle Folklore: Mit universitären Marktführern wie Jürgen Habermas an der Spitze, verquickt der leidlich Aufgeklärte sein diffuses Unwohlsein in der Gesellschaft mit der Vertröstung auf den Vorschein eines schöneren Morgen. Wir optimieren uns selbst! Den Zumutungen des Überlebenskampfes enthoben, weben wir fröhlich das sozial haltbare Gemeinschaftsnetz.
Doch bereits der kynische '68er Peter Sloterdijk hat auf die Voraussetzungen solcher Imperative naserümpfend verwiesen: Sie stellen den modernen Menschen als vernünftiges Herdentier vor, dem obendrein noch die Arbeit am Glück wie die Karotte vor die Nase gehängt wird.

Als pastorale Plauderonkel denunziert

Das Projekt der Emanzipation ist somit unversehens in Verruf geraten: Ihre Vertreter werden als pastorale Plauderonkel denunziert. Aufgegeben werden stattdessen Verlustanzeigen: Mit der Gefahr für Leib, Hirn und Seele habe sich das locker gehegte Massentier auch seiner Bestimmung zur Tiefe begeben.

Es mangele den Verfassungspatrioten an der Gestimmtheit: Einzig für die Metaphysik zahle man mit großem Schein. Man erlebt die Tragik neu und erfährt den "Zuspruch durch das Sein". Sloterdijk grub den großteils verpönten Heidegger aus der Schwarzwälder Mottenkiste hervor. Dem unentwegten Karlsruher Medienphilosophen schwebt eine "natale" Ontologie der sphärischen Daseins-Einstimmung vor.

Popliteraten verhöhnen die altlinke Folklore

Ist der Mensch aber wirklich nur ein Pastiche aus "Soziologie und Leere" (der untröstliche Gottfried Benn)? Die Fundamente der modernen gesellschaftlichen Synthesis werden unüberhörbar von Häme umspült. Popliteraten wie Benjamin von Stuckrad-Barre verhöhnen die altlinke Folklore. Houellebecq feiert den Willen zum eigenen Untergang als leise unflätiges Salon-Ekel - auf Anfrage beschimpft er alle und jeden. Der Geist der neuen Neinsager generiert einen deutlich ungehaltenen Ton: Noch der österreichische Kleinverleger Alfred Goubran überzieht in seiner Schmähschrift Der Pöbelkaiser die liberalen Mitbieter auf dem Meinungsmarkt mit Tiraden des Schimpfs.

Sie alle sind Agenten: im Dienste einer noch unklar gefühlten metaphysischen Selbsterweckung. Doch bis zum nächsten Horizont ist es noch sehr, sehr weit.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.02. 2002)



Auszüge aus Alfred Goubrans "Der Pöbelkaiser" (Residenz Verlag) lesen Sie am Samstag im ALBUM.

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