Miss-Wahlen sind seit Jahrzehnten Kassenschlager

14. Februar 2002, 13:59
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- von Lars Rischke - Leipzig, 4. Feb (Reuters) - Für die einen sind Miss-Wahlen Firlefanz, für die anderen ein einträgliches Geschäft. Schon Anfang vorigen Jahrhunderts erkannten findige Geschäftsleute, dass sich mit der Schönheit junger Frauen gut verdienen lässt. Mit der wechselvollen Geschichte deutscher Schönheitswettbewerbe beschäftigt sich eine neue Ausstellung im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig. Die Schau zeigt die historische Entwicklung der Wettbewerbe von 1927 bis in die Gegenwart. Gleich mehrere Schönheitsköniginnen lächelten zum Eröffnungstermin am Montag um die Wette, unter ihnen auch die 24-jährige Katrin Wrobel, die erst vor ein paar Tagen zur Miss Germany gewählt worden war. Begonnen hatte alles in der Weimarer Republik Ende der 20er- Jahre im so genannten Girl-Rummel. Die Wahl der Miss Germany war für die Veranstalter damals ein Kassenschlager. Aber auch für die Auserwählten war die Sache lukrativ. So erhielt Miss Germany 1927, Hildegard Kwandt, etwa für eine Abend-Modenschau 250 Reichsmark - ein Metallfacharbeiter musste seinerzeit fünf Wochen lang dafür arbeiten. Viele Frauen, die sich den Schönheitswettbewerben stellen, erhofften sich auch heute noch Ruhm und Karriere, sagt Ausstellungsmacherin Anne Martin. Waren Miss-Wahlen in Wirtschaftswunderzeiten im Westen ein viel beachteter gesellschaftlicher Höhepunkt, gerieten die Spektakel später nach Protesten der Frauenbewegung zunehmend in die Kritik. In der DDR waren Miss-Wahlen bis Mitte der 80er- Jahre verpönt, galten sie doch den Mächtigen in Ost-Berlin als Beispiel der Erniedrigung von Frauen im Kapitalismus. Erst mit Perestroika und Glasnost änderte sich das. Damit es nicht zu westlich klang, wurden zunächst eine Miss Frühling und eine Miss Sommer gekürt. Erst 1989 gab es dann auch eine Miss DDR. Nach der Wiedervereinigung wurde 1990 mit Leticia Koffke erstmals seit mehreren Jahrzehnten wieder eine Ostdeutsche zur gesamtdeutschen Miss Germany gewählt. Während für viele Frauen die Hoffnung auf eine steile Karriere und reichlich Geld schon bald wieder zerplatzte, schafften es einige, im Gespräch zu bleiben. Karriere auf internationalen Laufstegen machte die kürzlich verstorbene Susanne Erichsen, die 1950 zur Miss Germany gewählt worden war und lange Zeit für das deutsche "Fräuleinwunder" nach dem Zweiten Weltkrieg stand. Auch für Petra Schürmann und Verona Feldbusch, die 1992 gekürt wurde, erwies sich die Miss-Wahl als Karriere-Sprungbrett. Über 450 Exponate sind in der Leipziger Ausstellung zu sehen - Schärpen und Krönchen ebenso wie Plakate, Filmausschnitte und elegante Kleider. Die Schau ist so etwas wie ein Spaziergang durch die Welt der Schönheit und der Mode und präsentiert zugleich die wechselnden Schönheitsideale. Daneben zeigt sie auch die politische und wirtschaftliche Bedeutung der Wettbewerbe. Als in den 20er-Jahren ein regelrechtes Miss-Wahlen-Fieber ausgebrochen war, sollten die Schönsten der Schönen vor allem den Absatz von Zigaretten und Schokolade ankurbeln, wie Martin berichtet. Inzwischen spielten beim Geschäft mit der Schönheit das Fernsehen und die Einschaltquoten eine zunehmend wichtige Rolle. Die Wahl der Zahnarzthelferin Wrobel Ende Januar etwa verfolgten mehrere Millionen Menschen am Fernseh-Bildschirm. Die Berlinerin, die von einem eigenen Haus und einer Familie träumt, sieht sich indes nicht als Objekt. Sie fühle sich wohl in ihrer Haut, sagt sie. Und eine Schönheitskönigin von einst befand: "Es gibt anstrengendere Tätigkeiten"" hke/tin

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