Verteidigungsstrategie TV-Berichte

15. Februar 2002, 17:13
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Jugoslawiens Ex-Präsident verteidigt sich mit u.a. mit der Dokumentation "Es begann mit einer Lüge" - WDR: Verhalten Milosevics "absurd und dreist" - Hohe TV-Einschaltquoten in Serbien

Die Dokumentation des deutschen öffentlich-rechtlichen TV-Senders ARD "Es begann mit einer Lüge", die der frühere jugoslawische Staatspräsident Slobodan Milosevic im Den Haager Prozess zu seiner Verteidigung anführte, hatte im Februar vergangenen Jahres in Deutschland eine heftige Kontroverse ausgelöst.

In der Sendung des Westdeutschen Rundfunks (WDR) zum Kosovokrieg wurde Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) vorgeworfen, er habe gelogen und übertrieben, um die Unterstützung von Parlament und Öffentlichkeit für die NATO-Luftschläge zu sichern.

In dem Film der beiden Autoren Mathias Werth und Jo Angerer wurde unter anderem der Darstellung Scharpings widersprochen, am 27. April 1999 seien in dem Ort Rogovo unschuldige Zivilisten von serbischer Sonderpolizei massakriert worden.

"Unsere Recherchen halten stand"

Scharping wiederum warf dem WDR "unverantwortliche Kürzungen, auch Verfälschungen" in der Sendung vor. Der beim WDR für das Ausland zuständige Programmbereichsleiter, Albrecht Reinhardt, erklärte: "Unsere Recherchen halten stand."

Chefredakteur Schönenborn: ARD-Beitrag inhaltlich einwandfrei

Mit scharfer Kritik hat der Westdeutsche Rundfunk (WDR) auf den Versuch von Jugoslawiens Ex-Präsident Slobodan Milosevic reagiert, sich mit Hilfe westlicher Fernsehbeiträge gegen die Anklage vor dem Haager UNO-Kriegsverbrechertribunal zu verteidigen. Das Verhalten von Milosevic am Donnerstag vor dem Gerichtshof sei "absurd und dreist", sagte der Chefredakteur des WDR-Fernsehens, Jörg Schönenborn, in Köln. Es gehe nicht an, dass jemand, der "die Menschenrechte mit Füßen getreten habe", sich nun die Möglichkeiten der freien Berichterstattung in Deutschland und einer damit verbundenen kritischen Auseinandersetzung mit Regierungspolitik zunutze machen wolle.

"Keine Fakten zu korrigieren"

Schönenborn betonte, die Dokumentation der WDR-Journalisten Jo Angerer und Mathias Werth sei "inhaltlich einwandfrei" gewesen. Der Kölner Sender habe in dem seinerzeit umstrittenen Beitrag "keine Fakten zu korrigieren" gehabt. Schönenborn fügte hinzu, bei den in dem Video gezeigten Ausschnitten handle es sich um "illegale Mitschnitte des serbischen Fernsehens". Der WDR habe von den Verantwortlichen für die Ausstrahlung im serbischen TV eine Unterlassungserklärung "gefordert und auch bekommen".

Zweiter Bericht über Racak

Dem Tribunal war auf Milosevics Antrag ein weiterer TV-Bericht vorgeführt worden, der die Geschehnisse im Kosovo-Dorf Racak, wo am 15. Jänner 1999 über 40 albanische Zivilisten von jugoslawischen Sicherheitskräften ermordet worden waren, behandelt. Dem Bericht ist zu entnehmen, dass die Aktion der Sicherheitskräfte eine Reaktion auf die Provokationen der aufständischen albanischen "Befreiungsarmee des Kosovo" (UCK) gewesen sei. Auf das Massaker in Racak hatte der damalige OSZE-Missionschef im Kosovo, William Walker, hingewiesen, der im Prozess gegen Milosevic als einer der Anklagezeugen erwartet wird.

Der TV-Bericht bringt die Aussagen von zwei früheren OSZE-Mitarbeitern, dem deutschen General im Ruhestand Heinz Loquai, der erklärte, dass es sich in Racak um kein Massaker gehandelt habe. Die Amerikanerin Norma Brown, die als Mitglied der OSZE-Mission in jener Zeit im Kosovo tätig war, meinte zudem, dass es im Kosovo keineswegs eine "humanitäre Katastrophe" vor dem Beginn der NATO-Luftangriffe gegeben habe, wie dies vom westlichen Bündnis zu Beginn der Luftangriffe aber behauptet worden war. (APA/dpa)

derStandard.at/ Politik zum Thema Brennpunkt Balkan

Einschaltquoten gestiegen

Der Prozess gegen Milosevic hat die Einschaltquoten bei serbischen TV-Sendern, die große Teile der Verhandlung direkt übertragen, stark erhöht. Wie der Chef des Belgrader Meinungsforschungs- Instituts "Medium", Srbobran Brankovic, sagte, hat der Regierungssender "Yu Info" nun um 50 Prozent mehr Zuschauer als in der Vorwoche.

Auch der TV-Sender "B-92" verzeichnet zwischen 10 und 15 Prozent mehr Zuschauer.

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