von Clarissa Stadler
Frankfurt?

14. Februar 2002, 21:20
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"Frankfurt? Sie tun mir Leid!", sagt der Mann, der im Flugzeug neben mir sitzt. Er stammt aus Frankfurt, kommt aber nur noch selten her. Er programmiert jetzt Roboter in Bratislava. "Und da gefällt's mir echt besser. Mensch, bin ich froh, dass ich aus Frankfurt weg bin." Das ist der Moment, in dem ich beschließe, das Geheimnis von Frankfurt zu ergründen, den Punkt zu finden, an dem Frankfurt schön ist.

Frankfurt ist die traurigste Stadt der Welt. Eine Stadt, die sich selbst nicht liebt und in der sich die Taxifahrer für die fehlende Schönheit entschuldigen. Dort, wo Frankfurt nicht aus Fußgängerzonen besteht, sollen falsche Fachwerkbauten, die keine hundert Jahre alt sind, die zerbombte Vergangenheit ersetzen. Ich sitze im "Standesämtchen" und schaue durch die trüben gelben Butzenglasscheiben. Es ist derselbe Effekt, den man von billigen Sonnenbrillen kennt. Plötzlich erscheint das Grau des Hauptplatzes in einer unnatürlichen Färbung. Die "Alt Frankfurter Kartoffelsuppe" ist sauer und schleimig, zum "Toast mit verlorenem Ei" fehlt mir der Mut.

Fragt man einen Frankfurter nach einem Restaurant, nennt er einen Italiener. Der Italiener ist der Inbegriff des deutschen Restaurants. Frankfurt ist nicht wie München, Düsseldorf oder Hamburg. Frankfurt hat die größte Börse, aber keine Prada-Boutique. Die Männer auf den Straßen würden gerne aussehen wie Ben Becker, die Frauen wie Doris Schröder. Das gelingt selten, darum verkleiden sie sich als Karnevalsprinzen und Funkenmariechen. Der Karneval gibt allen dasselbe Gesicht.

Auf den Tischen im Frühstückssaal des Hotels stehen Tischabfalleimer. Wie überall in Mitteldeutschland. Nirgendwo sind die Menschen so freundlich wie hier. Als ich Frankfurt verlasse, komme ich mir vor wie eine Verräterin. An den Frankfurtern, die hier bleiben müssen.

derStandard/rondo/15/2/02

Von
Clarissa Stadler

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