Grauen (fast) ohne Ende

14. Februar 2002, 13:47
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Ob KZ-Überlebende, vergewaltigte Frauen oder Katastrophen-Opfer - die psychischen Konsequenzen eines Traumas können Jahrzehnte dauern

Wien - Das Leiden der Geschundenen der Welt: die "Posttraumatische Belastungsstörung". Ob Holocaust-Opfer oder deren Kinder, vergewaltigte Frauen oder von Unfällen bzw. von Katastrophen Betroffene - die psychischen Konsequenzen können Jahrzehnte dauern. Hilfe muss angeboten, sollte aber auch gesucht werden, betonten am Mittwoch Experten bei einer Pressekonferenz in Wien. Psychotherapie in Kombination mit Medikamenten wirkt am besten.

Definition

"Der Begriff der 'Posttraumatischen Belastungsstörung' wurde erstmals 1980 in den Diagnoseschlüssel der Psychiatrie aufgenommen. Es handelt sich um ein Syndrom, das nach 'emotional schrecklichen', so genannten psychotraumatischen Situationen auftritt", erklärte Prim. Dr. David Vyssoki, Ärztlicher Leiter des Zentrums für Psychotraumatologie - ESRA, in Wien-Leopoldstadt.

Vyssoki und sein 30-köpfiges Team kümmern sich seit 1994 (ESRA - Hebräisch "Hilfe") um Holocaust-Überlebende, deren ebenfalls traumatisierte Nachkommen sowie Patienten, die aus anderen Gründen an schweren psychischen Konsequenzen von Schockerlebnissen leiden.

Der Experte über die eigentliche Charakteristik von Ereignissen, die Menschen in solche Belastungsstörungen hinein rutschen lassen: "Das Eigenbild des Mensch ist das eines unversehrten Menschen. Der traumatisierte Mensch ist jener, der erleben musste, dass alle diese Vorstellungen nun zerstört sind."

Anker in der Geborgenheit

Für das psychische Wohlbefinden und die psychische Gesundheit des Menschen sind folgende Erwartungen bzw. Einstellungen fundamental: Er braucht Geborgenheit, das Gefühl, sein Leben in relativer Sicherheit und einigermaßen planbar sowie unverletzt führen zu können. Die minütliche Todesgefahr im KZ samt der dort von den Machthabern betriebenen völligen Erniedrigung der Opfer, das plötzliche Überfallen einer Frau durch den Vergewaltiger, Ereignisse wie "Kaprun", "Lassing" oder die Terrorattacken auf das World Trade Center in New York am 11. September vergangenen Jahres - alles das vernichtet die Basis der psychischen Grundverfassung der Betroffenen.

Am ärgsten ist, wenn der Mensch zum Feind des Menschen wird: Vyssoki: "Bei einem Unfall oder einer Katastrophe kann man sich langsam daran gewöhnen. Viel brutaler ist das Man-Made-Trauma wie Misshandung, sexualisierte Gewalt und Folter. Vor allem wenn sie wiederholt, lang andauernd sind und man nie weiß, wann sie wieder passieren."

Jahrelang können solche Erlebnisse von den Betroffenen auch beiseite geschoben werden, bis sie mit ihren Langzeitkonsequenzen wieder an die Oberfläche der Psyche kommen.

Die Symptome

- Plötzliche massive Angst-Attacken mit Erregungszuständen.

- Undefinierbare Schuldgefühle (Beispiel KZ-Überlebende: "Ich konnte überleben, weil die Anderen gestorben sind."

- Gefühl seelischen Totseins, Depressionen, Apathie, sozialer Rückzug, Erstarrung, geistige Abstumpfung.

- "Flash-Back": Ansatzloses Wieder-Erleben der erlittenen Misshandlungen in physischer und psychischer Form.

- Ermüdbarkeit, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen.

- Sexuelle Störungen.

- Psychosomatische Beschwerden wie Herzklopfen, Kopfschmerz, Schlafstörungen, Schweißausbrüche, Magen-Darm-Beschwerden.

- Psychose-artige Symptome, Verfolgungswahn.

Sexueller Misbrauch

Die millionenfachen Verbrechen des NS-Regimes mögen Zeitgeschichte sein, Kriege und Diktaturen mit ihren Gewalttaten sind noch immer Gegenwart. Doch es gibt auch schwerste "zivile" Gewalt, die mit jahrelangen Leiden der Opfer enden kann: sexueller Missbrauch jeglicher Form.

Univ.-Doz. Dr. Maria Steinbauer von der psychiatrischen Universitätsklinik in Graz: "Sexueller Missbrauch ist ein sehr schweres Trauma, bei dem 91 Prozent der Frauen Todesangst erleben." Laut vorsichtig zu interpretierenden Studien könnte die statische Wahrscheinlichkeit von Frauen, ein Mal im Leben Opfer von sexueller Gewalt zu werden, bei mehr als neun Prozent liegen. Bis zu 50 Prozent der Betroffenen erkranken danach an "Posttraumatischen Belastungsstörungen".

Die Grazer Psychiaterin: "Im ersten Schock ist die Betroffene von der Gewalt buchstäblich überwältigt. Wie von einer schwarzen Hand wird sie niedergedrückt. Nach Wochen oder Monaten kann es dann zum Belastungssyndrom kommen." Langfristig ergibt sich daraus ein sechs Mal größeres Risiko für Depressionen. Die Häufigkeit von Angststörungen vervierfacht sich. Die Selbstmordrate ist mit 20 Prozent höher als bei Depressiven.

Biologische Fixierung

Während ehemals solche Störungen als klassisches Anwendungsgebiet für die Psychotherapie galten, haben neue Forschungen ergeben, dass sich nach solchen Traumen bei den Opfern im Gehirn biologische Veränderungen abspielen. Univ.-Doz. Dr. Maria Steinbauer: "Man hat in gewissen Gehirnabschnitten gesehen, dass es dort zu einer Erhöhung der neuronalen Vernetzung kommt. Es handelt sich um Gedächtnisinhalte." Sie werden biologisch fixiert und dürften einen Teil der späteren Misere darstellen.

Das bietet auch die Möglichkeit zu einer medikamentösen Behandlung in Kombination mit psychotherapeutischen Maßnahmen. Univ.-Prof. Dr. Peter Hofmann von der Psychiatrischen Universitätsklinik in Graz bei der Pressekonferenz in den Räumlichkeiten von ESRA, wo seit 1995 mehr als 500 Holocaust-Opfer Jahrzehnte nach ihren Erlebnissen mit schweren psychischen Folgesymptomen behandelt wurden: "Man hat gesehen, dass Medikamente, die in den Serotonin-Stoffwechsel eingreifen, besonders gut wirksam sind." Solche moderne Antidepressiva (selektive Serotonin-Reuptake-Hemmer; SSRI wie Paroxetin und Sertralin) bekämpfen die Begleitsymptome der Posttrauma-Störungen wie Angst und Depressionen. Ihr Effekt wurde in klinischen Studien eindeutig bewiesen.

Freilich, bei einem Schockerlebnis (Unfall etc.) - so der Chefpsychologe des steirischen Roten Kreuzes, Dr. Günter Herzog - kommt es nach der Absicherung der Betroffenen und der Helfer vor allem auf die andauernde Zuwendung für das Opfer an: Sich Zeit lassen, nach Stress fragen, erklären, was geschehen ist, was passiert und was geschehen wird. - Niemand darf im Trauma allein bleiben. (APA)

Psychosoziales Zentrum ESRA mit Ambulanz für Personen, die an Posttraumatischen Belastungsstörungen leiden, auch Krisenintervention:

Tempelgasse 5, A-1020 Wien

Tel.: 01/214-90-14

Spendenkonto: Bank Austria, Kontonr.: 00684 145 600, BLZ 20151

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