Lärm ist bessere Musik

15. Februar 2002, 13:08
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Die Stromspule legte sich mit der Saite auf ein hartes Bett, und sie hatten ein Kind, und sie nannten es Elektrogitarre, und der Fratz ging hin und schreit seither alles nieder

Mein Onkel Leo war praktisch allwissend. Als die Herrn Ingenieure aus Wien in den 50ern eine Brücke über den Rußbach bauten, fuhr er auf seinem Waffenrad hin und begutachtete das Bauwerk. "Die reißt das nächste Hochwasser weg", grantelte er. Die Herrn Ingenieure lachten und fuhren heim in die Stadt. Im nächsten Sommer rauschte das Hochwasser zwischen den erhöhten Ufern des Rußbach wie ein Minipo daher und nahm die Brücke ein Stück Richtung Blumengang mit. Dort, in dem Dreieck zwischen March und Donau, das sich die beiden Flüsse seit jeher als Auslauf für ihren Übermut hergerichtet haben, legte der Rußbach die Brückenreste nieder. Und der Onkel Leo radelte hin und schimpfte die Herrn Ingenieure Trotteln.

Dann fuhr er heim, schaltete sein Vorführgerät ein und zeigte den Jugendlichen der Umgebung "Hallo Dienstmann" und "Blow Up". Der Onkel Leo hatte das schönste Kino im südöstlichen Marchfeld und er stellte ständig Tonbänder zusammen mit Negermusik für die vorerotisch und umsatzmäßig entscheidende Zeitspanne zwischen dem Kartenverkauf und dem Einlass. Als die Stones "Beggar's Banquet" herausbrachten, bot ihm der avantgardistisch angehauchte Gemüsebauer des Ortes das Album zum Aufnehmen an, aber er lehnte ab. "Das regt die Leute nur auf", sagte er.

Der Onkel Leo ist lange tot, das Kino ist geschlossen, aber aus den ersten acht Takten von "Stray Cat Blues" fließt noch die pralle pickige Süße von Keith Richards Gitarre, die in Monkey Man (auf "Let It Bleed") zu einem von den Rolling Stones nie wieder erreichten Schmelz reifte.

Die Legende geht, dass in den 30ern Adolph Rickenbacker und George Beauchamp eine "Bratpfanne" an ein Stromkabel anschlossen, und wenn sie die Saiten zupften, ertönte ein Geräusch wie von tausend Bienen, denen man heißes Wachs zwischen die Flügel getropft hatte. Ein Wunder war geschehen, der Ton einer Gitarre hielt sich auf einmal länger in der Schwebe als der Atemzug eines Asthmatikers und er drang durch ein Orchester wie vorher nur Charlie Parkers Saxophon. Oder durch Kinderzimmertüren Richtung Küche, um mit der Botschaft "dreh den Lärm leiser" wiederzukehren.

Charlie Christian machte die elektrisch verstärkte Gitarre zu einem Soloinstrument, das dem Saxophon, Klavier und der Trompete ebenbürtig war. Auf den Schwingen von Scotty Moores Gitarrenlicks (Gibson ES 295, Al Cook spielt so eine, mit original P-90-Pickups, übrigens) in Elvis' erster Dreierpartie (mit Bill Blacks upright Slap-Bass) erhob sich der Rock 'n' Roll, bis ihm die Sex Pistols die schlappen Flügel brachen.

Strom ist ein Zauberer, er verändert den Charakter jedes Menschen, mit dem er in Berührung kommt. Er speichert Kunst, und wer ihn geschickt benützt wie der Kunstverwalter Herbert von Karajan, stilisiert sich selber zum Künstler. Das brave aber begrenzte Instrument des genialen Klassikers Andrés Segovia küsst er und weckt einen Sturm. Der Strom schloss das Marchfeld mit dem Chikago Blues kurz, indem er aus den auf ein Holzbrett geschraubten Spulen (Pick Ups) und darüber gespannten Metallsaiten die pure Lust sog. Die Stromgitarre ist das schönste unbeseelte Lebewesen, sie wird nicht alt, das macht sie zur idealen Gefährtin. Nicht einmal Onkel Leo konnte sich ihrer Ausstrahlung entziehen, obwohl er kein Gitarrist war und meist nicht einmal wusste, dass sie den Leuten in seinem Kino vor dem Beginn des Films Geschichten erzählte, die jeder verstand.

So war der Onkel Leo doch nicht wirklich allwissend, und ich nehme an, er wusste das. Er hatte seine Wanderjahren in einer Kapelle verbracht und später erzählt, wie schön das war, vom Klang eines voll dahinscheppernden Marsches eingehüllt zu sein. Er hätte eine Les Paul Standard in einen 100 Watt Marshall mit vier Zwölfzöllern stöpseln sollen. Er hätte nie mehr aufgehört.
derStandard/rondo/15/2/02

von Johann Skocek
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