Leichtathletik: Graf will den Hallenweltrekord

14. Februar 2002, 13:39
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Die 14 Jahre alte Marke von Christine Wachtel soll mit Hilfe von Stella Jongmans in Birmingham fallen

Völkermarkt - Seit 4. September 1971, als Hochspringerin Ilona Gusenbauer vor dem Fußball-Ländermatch Österreich gegen Schweden im Wiener Stadion vor mehr als 40.000 Zuschauern 1,92 m überquerte, wartet Österreich auf einen Weltrekord in der olympischen Kernsportart Leichtathletik. Diese lange Zeit des Wartens soll nun am Sonntag ein Ende haben: Stephanie Graf will in Birmingham den Hallenweltrekord über 800 m auslöschen, der seit 13. Februar 1988 auf 1:56,40 Minuten steht.

Jongmans als Tempomacherin

Mit der Niederländerin Stella Jongmans, die als Tempo-Macherin engagiert wurde, verbindet Graf allerdings keine gute Erinnerung. Bei der Hallen-EM 1998 in Valencia kam es zwischen den zwei Läuferinnen zu einigen Rempeleien, Graf kam beinahe zu Sturz und wurde dadurch um ihre Medaillenchance gebracht. "Das ist lange her und vergessen", erklärte Graf.

Geld ist Nebensache

"Am Sonntag geht's um die Ehre, das Geld interessiert mich überhaupt nicht", betonte Graf gleich mehrmals im Vorfeld ihrer lang und sorgfältig geplanten Attacke auf die Bestmarke. Und dass es sich bei diesem Ausspruch nicht um eine leere Floskel handelt, beweist die Tatsache, dass die 28-jährige Kärntnerin noch immer nicht weiß - "weil ich es gar nicht wissen will" -, welche Summe ein solch historischer Eintrag in die Leichtathletik-Bücher wert ist. Ihr Manager Robert Wagner weiß es dagegen schon seit Monaten: 50.000 Euro (688.015 S) bekäme Graf, falls die Mission gelingen sollte.

Genug Reserven

Bis auf 45/100 Sekunden oder 3,08 Meter, so nah wie keine andere Athletin zuvor, ist sie am vergangenen Sonntag in Gent an den 14 Jahre alten, im Wiener Dusika-Stadion aufgestellten Weltrekord der DDR-Läuferin Christine Wachtel herangekommen - trotz eines alles andere als optimalen Rennens. Der Belgierin Sandra Stals war nämlich die ungewohnte Rolle der Tempomacherin deutlich anzumerken, dazu kamen noch die "Laufschach-Spielchen" mit ihrer neuen Herausfordererin Jolanda Ceplak aus Slowenien. "Ich habe also noch genug Reserven, um die 1:56,40 zu unterbieten", weiß Graf, dass sie am Sonntag das nächste Kapitel österreichischer Leichtathletik-Geschichte schreiben kann.

"Briten haben Mittelstreckenkultur"

Vor allem die Gewissheit, dass sie sich in Belgien trotz des hohen Tempos "mit den Konkurrentinnen noch gespielt" hat, gibt der Vizeweltmeisterin Zuversicht, ebenso wie das Traumszenario in Birmingham. "Dort gibt's die schnellste Bahn der Welt und die beste Stimmung, weil die Briten eine Mittelstreckenkultur haben", verweist die ÖLV-Rekordlerin auf die lange Liste der britischen Weltrekordler, die vom legendären Sir Roger Bannister, der die Meile am 6. Mai 1954 in Oxford in 3:59,4 als erster Mensch unter vier Minuten lief, über die beiden Dauerrivalen Sebastian Coe und Steve Ovett bis hin zu Steve Cram reicht.

Bahn bietet Beschleunigungsmöglichkeit

"Das Besondere an der Bahn in Birmingham ist, dass die Holz-Stahlkonstruktion beim Laufen mit schwingt, und man deshalb noch besser als im Dusika-Stadion aus den Kurven heraus beschleunigen kann - sofern man das nötige Gefühl dafür hat", erklärt Graf. Doch ihre Topform und die Topbahn sind noch keine Garantie für die neue Topzeit. "Um Weltrekord zu laufen, muss einfach alles passen, nicht umsonst steht die Wachtel-Marke schon so lange. Es muss ein regelmäßiges Rennen geben mit Rundenzeiten von 28,5 bis 29 Sekunden, möglichst ohne Körperkontakt, denn so etwas kostet Kraft", betont Graf und erinnert damit an den gescheiterten Weltrekordversuch des Vorjahres, als es in Birmingham zu einem wahrlich beinharten Duell mit ihrer Erzrivalin Maria Mutola aus Mosambik kam, das ihr eine lange Narbe im Fersenbereich als "Andenken" bescherte. (APA)

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