Milosevic dreht den Spieß um

15. Februar 2002, 16:31
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UNO-Tribunal gibt ihm bis Montag Zeit für Erklärungen

Den Haag/Wien - Der ehemalige jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic hat in der Fortsetzung seiner Verteidigungsrede vor dem UNO-Tribunal am Freitag erneut der NATO schwerste Verbrechen vorgeworfen. Er blieb seiner Taktik "Angriff ist die beste Verteidigung" treu. Milosevic versuchte weiter den Spieß sozusagen umzudrehen und die Anklage gegen ihn in eine Anklage gegen die NATO umzuwandeln. Wie bereits am Vortag, zeigte Milosevic auch am Freitag Fotografien von Opfern der NATO-Bombardements gegen Jugoslawien im Frühjahr 1999.

"Das ist ein Beispiel für Bestialität", "Bilder sagen alles" und "Das brauche ich nicht zu kommentieren", sagte der Ex-Präsident, die Fotografien über zerstörte Stadtteile und verstümmelte Leichen kommentierend. Milosevic habe sich nach der langen Sitzung am Donnerstag müde aber zufrieden gefühlt, sagte sein Anwalt Dragoslav Ognjanovic nach einem Gefängnisbesuch am Donnerstagabend. "Er ist in guter Verfassung."

Rededuell zwischen Richter May und Milosevic

Milosevic, der am Freitag in einen dunklen Anzug und eine blau-weiss-rote (jugoslawische Nationalfarben) Krawatte gekleidet ist, wirkte völlig ruhig und - wie auch während seiner Amtszeit als Präsident - absolut von sich überzeugt. Kurz vor der ersten Pause entwickelte sich ein Rededuell zwischen dem Angeklagten und Richter Richard May. Auf die Frage, wie lange er noch für sein Eröffnungsplädoyer brauchen werde, sagte Milosevic, dass er dies nicht genau wisse, aber "sicher mehr als die Hälfte" bereits vorgetragen habe.

Nachdem May dann betonte, dass er erwarte, dass Milosevic noch am heutigen Freitag seine Rede beendet, sagte Milosevic: "Ich glaube nicht, dass Sie mich in meinen Ausführungen einschränken können..." "Wir entscheiden das", war der kurze Kommentar von May, bevor er das Mikrofon abdrehte und die Pause verkündete.

Nach der Sitzungsunterbrechung erklärte das Gericht, dass Milosevic seine Erklärungen vor dem UNO-Kriegsverbrechertribunal am Montagvormittag noch eineinhalb Stunden lang fortsetzen werde. Zunächst hatte Richter May die Redezeit des Angeklagten bis Freitagabend begrenzt. Dann habe Milosevic ebenso viel Zeit wie die Anklage, die vor ihm zwei Tage lang die Anklagepunkte erläutert habe, sagte May. Milosevic hatte jedoch dagegen protestiert.

Milosevic bezieht sich auf NATO-Angriff auf chinesische Botschaft

Am Freitag schilderte Milosevic unter anderem ausführlich den NATO-Angriff auf die chinesische Botschaft in Belgrad. Die Erklärungen der NATO, dass es sich bei diesem Angriff um einen "Irrtum" oder einen "Fehler" gehandelt habe, bezeichnete der Ex-Präsident als "nicht wahr". Vielmehr sei dieser Angriff von direkt aus den USA kommenden Flugzeugen durchgeführt worden. "Clinton (ehemaliger US-Präsident) wollte als Erster in die Geschichte eingehen, der chinesisches Territorium bombardiert hat", sagte Milosevic. Aus diesem Grund habe er auch das Botschaftsgebäude gezielt bombardieren lassen.

Der jugoslawische staatliche TV-Sender RTS berichtete unterdessen, dass die ersten Zeugen bereits am Montag zu erwarten seien. Zudem habe die jugoslawische Regierung eine offizielle Note an das UNO-Tribunal gerichtet, um einen Status als Beobachter während des Prozesses gegen Milosevic zu erhalten.(APA/Reuters)

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