Brüchiger "Friede der Tapferen"

13. Februar 2002, 20:18
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Quebecs Regierungsvertrag mit Ureinwohnern könnte politische Tücken haben

Beide Verhandlungspartner zeigten Freude, Häuptling Ted Moses nannte es sogar würdevoll "einen historischen Tag", als er für seinen Indigenen-Stamm der Cree mit der Regierung von Quebec vor rund einer Woche den "Friede der Tapferen" genannten Vertrag schloss. Nach mehr als 25 Jahren Kampf der Cree gegen den Bau von zwei Wasserkraftwer-ken in der James-Bay-Region kam man überein: Um die Kraftwerke bauen zu können, zahlt die Regierung dem rund 15.000 Menschen zählenden Stamm innerhalb der kommenden 50 Jahre insgesamt 3,4 Milliarden kanadische Dollar (rund 2,5 Milliarden Euro oder 34,4 Milliarden Schilling). Im Gegenzug lassen die Cree ihre Umweltklagen (Streitwert: 3,6 Milliarden kanadische Dollar) fallen.

"Erpressung"

Die Verhandlungsführer der Cree nannten das Abkommen eine Inspiration für alle Indigenen Nordamerikas. Denn zum ersten Mal sei Ureinwohnern ihre Eigenständigkeit als indigene Nation anerkannt worden. Doch nicht alle Stammesangehörigen glauben das. Sie verweisen auf die separatistischen Pläne der Regierung, die eine Loslösung der Provinz Quebec von Kanada anstrebt. Die Cree haben sich immer dagegen ausgesprochen, sie fürchten um ihre eigene Autonomie in einem unabhängigen Staat Quebec.

Kritiker meinen, nun würde von den Cree erwartet, sich nicht mehr gegen die Abspaltung Quebecs zu wehren. Einige Cree nennen den Vertrag eine Erpressung durch die Regierung und fühlen sich vom eigenen Häuptling verraten.

Wirtschaftlich reizvoll ist das Abkommen für die sozial schlecht gestellten Cree auf jeden Fall: Sie werden außer den Kompensationszahlungen auch einen Anteil an den 10.500 Arbeitsstellen, die durch den Staudammbau entstehen, erhalten; außerdem teilt die Regierung mit ihnen alle Einnahmen aus Bergbau, Waldwirtschaft und Energieindustrie in der James-Bay-Region.

Der Regierungschef von Quebec, Bernard Landry, erklärte deshalb auch, der Vertrag öffne "den Weg einer neuen Ära der Kooperation, einer wahren Nation-zu-Nation-Beziehung zwischen den Cree und Quebec". (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14. 2. 2002)

Von STANDARD-Mitarbeiterin Bernadette Calonego aus Vancouver
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    Quebec in Kanada

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