Kirche will Nabelbeschau beenden

13. Februar 2002, 19:16
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Schönborn empfiehlt Frauen mit Priesterwunsch Wechsel zu Evangelischen

Wien - "Was soll das, sich eine Weihe auf einem solchen Weg zu erschleichen?" Eindeutig klar gestellt hat am Mittwoch der Vorsitzende der österreichischen Bischofskonferenz, Kardinal Christoph Schönborn, die Haltung der katholischen Kirche zur "Priesterinnenfrage".

Wie berichtet, wollen sich sieben Frauen aus Österreich und Bayern weihen lassen. Sie haben nach eigenen Angaben bereits einen katholischen Bischof gefunden, der ihnen das Sakrament spenden will. Laut Schönborn hätten nicht nur die Frauen mit Exkommunikation zu rechnen, sondern auch der Bischof, der sie weiht. Der Kardinal empfiehlt den Frauen den Wechsel zur evangelischen Kirche, wo dieses Amt für sie zugänglich sei.

Schönborn nahm am Aschermittwoch zu grundsätzlichen Fragen der katholische Kirche Österreich Stellung. Er sprach sich für ein Ende der kirchlichen "Nabelbeschau" und ein stärkeres kirchliches Engagement in den Fragen EU-Erweiterung, interreligiöser Dialog (vor allem mit dem Islam) und globale Gerechtigkeit aus.

Distanzierung

Ungewöhnlich deutlich kritisiert der Wiener Erzbischof in diesem Zusammenhang die Erklärung von US-Präsident George W. Bush über die "Achse des Bösen". Durch solche generalisierenden Aussagen würden Länder wie Iran "vor den Kopf" gestoßen.

Wien soll laut Schönborn "Drehscheibe" für den interreligiösen Dialog werden. Geplant ist 2004 ein "Mitteleuropäischer Katholikentag", die Kontakte zum Europäischen Jüdischen Kongress werden intensiviert, und verstärkt sollen die kirchlichen Anliegen in den Konvent zur EU-Verfassung eingebracht werden. Geplant ist außerdem eine vernetzte "Stadtmission" der vier Metropolen Wien, Paris, Brüssel und Lissabon im Jahr 2003.

Unhaltbare Dekrete

"Geschichte muss gemeinsam aufgearbeitet werden", meinte der Kardinal zu den umstrittenen Benes-Dekreten. Grundsätzlich gelte es im Verhältnis mit den historischen Nachbarn Österreichs zu zeigen, "dass wir nicht nur miteinander können, sondern miteinander wollen".

Schönborn präsentierte auch seine "ganz persönliche Sicht" als Heimatvertriebener aus der heutigen Tschechischen Republik, dessen Großmutter trotz "rassischer" Einstufung als "Halbjüdin" in einem tschechischen KZ als "Sudetendeutsche" starb: "Die Dekrete sind menschenrechtlich unhaltbar. Auch wenn sie zu einem Teil durch die damalige Situation bedingt waren, können sie heute keinerlei Zustimmung finden. Die andere Seite ist aber: Ich glaube, es ist notwendig, einen Schlussstrich zu ziehen. Können wir denn wollen, dass die jetzigen Bewohner der Häuser der Vertriebenen wieder vertrieben werden?" Der Kardinal plädierte für eine Aufarbeitung, die schmerzhaft sein werde, weil man sich der Geschichte stelle. Aber es gehe darum, für die gemeinsame Zukunft zu arbeiten.

Gutes Verhältnis

Nicht eindeutig festlegen wollte sich Schönborn auf die Frage, ob es genügt, die Dekrete zu "totem Unrecht" zu erklären oder ob sie formell aufgehoben werden sollen. Jedenfalls sei das Verhältnis zwischen österreichischen und tschechischen Bischöfen so gut, dass er sich gemeinsame Initiativen vorstellen könnte. (DER STANDARD, Printausgabe 14.02.2002)

von Katharina Krawagna-Pfeifer
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