Kronzeuge im Milosevic-Prozess möglicherweise bereits in Den Haag

13. Februar 2002, 13:31
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Hoher Polizeifunktionär Djordjevic soll Spuren von Kriegsverbrechen im Kosovo beseitigt haben

Belgrad - Ein ehemaliger hoher serbischer Polizist wird in Belgrad als Kronzeuge im Prozess gegen den früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic vor dem UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag erwartet. Vlastimir Djordjevic (55) soll persönlich mehrere Polizeiaktionen im Kosovo geleitet haben. Er war während des Kosovo-Kriegs (1998/99) im Innenministerium für die öffentliche Sicherheit zuständig. Seit Anfang Mai 2001 wurde er nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen. Nach Belgrader Zeitungsberichten ist er bereits in Den Haag.

Mit der Beseitigung von Spuren von Kriegsverbrechen beauftragt

Im Mai des Vorjahrs war Djordjevic vom serbischen Innenminister Dusan Mihajlovic als Vollstrecker eines Befehls Milosevics aus dem März 1999 über die "Gebietssanierung" bzw. Beseitigung der Spuren von Kriegsverbrechen im Kosovo bezeichnet worden. Seitdem gilt er als wichtiger Belastungszeuge. An dem damaligen Treffen mit Milosevic sollen auch der ebenfalls vor dem UNO-Tribunal angeklagte damalige serbische Innenminister Vlajko Stojilkovic sowie der Chef der serbischen Geheimpolizei Rade Markovic teilgenommen haben. Auch Markovic wird als möglicher Zeuge im Milosevic-Prozess angesehen.

Das Verfahren gegen den ehemaligen jugoslawischen Präsidenten wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Kosovo, Bosnien-Herzegowina und Kroatien hat am Dienstag begonnen. Nach Angaben der Belgrader Wochenzeitschrift "Blic news" von Mittwoch soll dem UNO-Tribunal auch eine Videoaufnahme des Gesprächs im Kabinett von Milosevic übergeben worden seien. Das Blatt beruft sich auf Aussagen eines westlichen Diplomaten in Belgrad gegenüber dem US-Nachrichtenmagazin "Newsweek".

Milosevic machte allerdings häufig nicht einmal schriftliche Notizen seiner zahlreicher Gespräche mit westlichen Unterhändlern. Daher scheint es eher unwahrscheinlich, dass von so belastenden Gesprächen sogar Videoaufnahmen existieren sollten.

Vor einem Jahr spurlos verschwunden

Im Vorjahr wurden bei Belgrad Massengräber mit Kosovo-Albanern entdeckt, die Ergebnis der "Gebietssanierung" sein sollen. In den Massengräbern waren rund 400 Leichen entdeckt worden, deren Identifizierung noch nicht abgeschlossen ist. Kurz nach der Entdeckung des ersten Massengrabes im Belgrader Vorort Batajnica Anfang Mai und danach auch unweit der ostserbischen Stadt Kladovo - beiden befinden sich bei Polizeiübungsplätzen - war Djordjevic spurlos verschwunden. Angeblich soll er sich nach Moskau abgesetzt haben. Innenminister Mihajlovic hat wiederholt jeden Kommentar zur Causa Djordjevic vermieden.

Nach einem Bericht der Wochenzeitung "Nedeljni telegraf" soll sich Djordjevic seit einem Monat in Den Haag aufhalten. Die Zeitschrift berichtet, dass auch die Ehefrau des Polizeigenerals, Soja, seit etwa einer Woche nicht mehr an ihrem Arbeitsplatz in Belgrad erschienen ist.(APA)

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