Sexuelle Gewalt und die Folgen

14. Februar 2002, 13:13
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Bei "Posttraumatischer Belastungsstörung" hilft Psychotherapie und medikamentöse Behandlung

Wien - Das Leiden der Geschundenen der Welt: die "Posttraumatische Belastungsstörung". Ob Holocaust-Opfer oder deren Kinder, vergewaltigte Frauen oder von Unfällen bzw. von Katastrophen Betroffene - die psychischen Konsequenzen können Jahrzehnte dauern. Hilfe muss angeboten, sollte aber auch gesucht werden, betonten am Mittwoch ExpertInnen bei einer Pressekonferenz in Wien.

Univ.-Doz. Dr. Maria Steinbauer von der psychiatrischen Universitätsklinik in Graz berichtete im Rahmen der Veranstaltung von der schwersten Form der "zivilen" Gewalt, die mit jahrelangem Leiden der Opfer enden kann - sexuelle Gewalt, in jeglicher Form. "Sexueller Missbrauch ist ein sehr schweres Trauma, bei dem 91 Prozent der Frauen Todesangst erleben." Laut vorsichtig zu interpretierenden Studien könnte die statische Wahrscheinlichkeit von Frauen, ein Mal im Leben Opfer von sexueller Gewalt zu werden, bei mehr als neun Prozent liegen. Bis zu 50 Prozent der Betroffenen erkranken danach an "Posttraumatischen Belastungsstörungen".

Verlauf

Die Grazer Psychiaterin: "Im ersten Schock ist die Betroffene von der Gewalt buchstäblich überwältigt. Wie von einer schwarzen Hand wird sie niedergedrückt. Nach Wochen oder Monaten kann es dann zum Belastungssyndrom kommen." Langfristig ergibt sich daraus ein sechs Mal größeres Risiko für Depressionen. Die Häufigkeit von Angststörungen vervierfacht sich. Die Selbstmordrate ist mit 20 Prozent höher als bei Depressiven.

Gedächtnisinhalte biologisch fixiert

Während ehemals solche Störungen als klassisches Anwendungsgebiet für die Psychotherapie galten, haben neue Forschungen ergeben, dass sich nach solchen Traumen bei den Opfern im Gehirn biologische Veränderungen abspielen. Univ.-Doz. Dr. Maria Steinbauer: "Man hat in gewissen Gehirnabschnitten gesehen, dass es dort zu einer Erhöhung der neuronalen Vernetzung kommt. Es handelt sich um Gedächtnisinhalte." Sie werden biologisch fixiert und dürften einen Teil der späteren Misere darstellen.

Das bietet auch die Möglichkeit zu einer medikamentösen Behandlung in Kombination mit psychotherapeutischen Maßnahmen. Univ.-Prof. Dr. Peter Hofmann von der Psychiatrischen Universitätsklinik in Graz bei der Pressekonferenz in den Räumlichkeiten von ESRA, wo seit 1995 mehr als 500 Holocaust-Opfer Jahrzehnte nach ihren Erlebnissen mit schweren psychischen Folgesymptomen behandelt wurden: "Man hat gesehen, dass Medikamente, die in den Serotonin-Stoffwechsel eingreifen, besonders gut wirksam sind." Solche moderne Antidepressiva (selektive Serotonin-Reuptake-Hemmer; SSRI wie Paroxetin und Sertralin) bekämpfen die Begleitsymptome der Posttrauma-Störungen wie Angst und Depressionen. Ihr Effekt wurde in klinischen Studien eindeutig bewiesen.

Freilich, bei einem Schockerlebnis (Unfall etc.) - so der Chefpsychologe des steirischen Roten Kreuzes, Dr. Günter Herzog - kommt es nach der Absicherung der Betroffenen und der Helfer vor allem auf die andauernde Zuwendung für das Opfer an: Sich Zeit lassen, nach Stress fragen, erklären, was geschehen ist, was passiert und was geschehen wird. - Niemand darf im Trauma allein bleiben. (APA)

Psychosoziales Zentrum ESRA mit Ambulanz für Personen, die an Posttraumatischen Belastungsstörungen leiden, auch Krisenintervention:
Tempelgasse 5
A-1020 Wien
Tel.: 01/214-90-14

Spendenkonto:
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BLZ 20151
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