Anklage konfrontierte Milosevic mit Kriegsverbrechen

13. Februar 2002, 17:19
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Belgrad sei "direkt und auf hoher Ebene" in den Bosnienkrieg verstrickt gewesen - Milosevic kam bisher nicht zu Wort

Den Haag/Belgrad - Die Anklage des UNO-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag hat den ehemaligen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic mit Aufnahmen von Kriegsverbrechen in Bosnien-Herzegowina konfrontiert. Am zweiten Prozesstag in Den Haag ließ der stellvertretende Chefankläger Geoffrey Nice Videoaufnahmen aus bosnischen Gefangenenlagern vorführen.

Auf den Aufnahmen waren abgemagerte und verängstigte Insassen des Lagers im bosnischen Trnopolje aus dem Jahr 1992 zu sehen. In zahlreichen ähnlichen Lagern seien Häftlinge gefoltert und ermordet worden, sagte Nice. Die Gefangenen in Trnopolje, Omarska und Keraterm im Osten Bosniens seien ausgehungert, geschlagen und sexuell missbraucht worden, erklärten die Vertreter der Anklage. Ihre Leichen seien in Massengräbern verscharrt worden.

Bosnische Serben brauchten laut Anklage Unterstützung von Außen

Die Anklage warf Milosevic eine "kriminelle Verwicklung" in den Krieg in Bosnien vor. Die serbische Bevölkerungsgruppe im Osten Bosnien hätte 1992 niemals die Kontrolle übernehmen können, wenn sie nicht Waffenlieferungen und andere militärische Unterstützung von außen erhalten hätte. Serbien sei damals "direkt und auf hoher Ebene" in die Ereignisse verstrickt gewesen. Milosevics Tatbeitrag bestehe in der "Unterstützung" der bosnisch-serbischen Führung und deren Armee.

Mit Hilfe von Karten und der Rekonstruktion des Vorgehens der Jugoslawischen Volksarmee (JNA) und serbischer Milizen versuchte Nice nachzuweisen, wie es zu den so genannten ethnischen Säuberungen in Bosnien kam. Er nannte mehrere Beispiele, wie die lokale moslemische Bevölkerung in kürzester Zeit von Serben vertrieben wurde. Die Serben seien von der JNA mit Waffen ausgerüstet worden. Nach der Vertreibung der Moslems rückten Banden wie jene des mittlerweile ermordeten serbischen Milizenführers Zeljko Raznatovic ("Arkan") ein.

Nice: Belagerung von Srebrenica war "Kampagne unnachgiebiger Gewalt"

Die dreieinhalbjährige Belagerung Sarajevos bezeichnete Nice als "Kampagne unnachgiebiger Gewalt", die die Einwohner der Stadt in einen "mittelalterlichen Entzugszustand mit ständiger Todesangst" versetzt habe. Die Ermordung von etwa 6.500 Moslems in der UNO-Schutzzone Srebrenica sei das "größte einzelne Massaker in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg" gewesen. Milosevic verfolgte das Prozessgeschehen erneut weitgehend unbeteiligt und machte sich gelegentlich Notizen.

Rugova wird in Den Haag als Zeuge aussagen

Der Führer der Kosova-Albaner, Ibrahim Rugova, kündigte in Pristina an, er werde in Den Haag als Zeuge aussagen. Er fühle sich geehrt, "für das Volk und für das Kosovo" vor das Tribunal zu treten. Der Prozess gegen Milosevic sei eine "Befriedigung für das Volk im Kosovo" und werde "anderen Führern" als "Lektion dienen, dass sie nicht über dem Gesetz stehen". Nach Angaben einer Sprecherin des Tribunals will die Anklage allein zum Krieg im Kosovo 90 Zeugen aus der Provinz vor Gericht anhören.

Milosevic wird seit Dienstag vor dem UNO-Tribunal wegen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord der Prozess gemacht. Belgrader Anwälte, die in seinem Umkreis tätig sind, ließen durchblicken, der Ex-Präsident habe eine Rede vorbereitet, die "mindestens so lange wie jene von Nice" sein werde. Milosevic erkennt das Gericht nicht an und hat daher direkte Rechtsvertretung vor dem Tribunal abgelehnt.

Gerüchte über bevorstehende Auslieferungen

In Belgrad mehren sich indes Gerüchte über weitere Auslieferungen an das UNO-Tribunal. Wie der Sender "B-92" meldete, soll ein weiterer Angeklagter bereits bis Freitag überstellt werden. Am häufigsten wird der frühere jugoslawische Vizeministerpräsident Nikola Sainovic genannt. Als weiterer "Kandidat" gilt der frühere Innenminister Vlajko Stojilkovic. Der frühere jugoslawische Generalstabchef Dragoljub Ojdanic trat Gerüchten über seine Auslieferung öffentlich entgegen. Mit der Auslieferung des vierten Angeklagten, des serbischen Präsidenten Milan Milutinovic, wird in Belgrad nicht vor Ablauf seiner Amtszeit im Spätherbst gerechnet.(APA/AP/dpa)

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