Goldi: "Für mich ist's halt traurig"

12. Februar 2002, 22:26
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Andreas Goldberger kann nicht behaupten, die Olympischen Spiele hätten ihn wirklich gern

Park City - Wir alle werden nicht jünger, auch Andreas Goldberger wird nicht. "Turin ist zu weit weg", sagt der 29-Jährige, er meint es nicht räumlich, sondern zeitlich, schließlich finden dort 2006 die Winterspiele statt. Ein Antreten Goldbergers ist Utopie, seine letzte Chance auf die Teilnahme an einem olympischen Bewerb stellt das Team-Springen (18. Februar) dar. Heute, auf der 120-m-Schanze, wird Goldberger ebenso fehlen wie im 90-m-Bewerb, er blieb im Training hinter Erwartungen und Kollegen. ÖSV-Cheftrainer Toni Innauer gibt jenen, die zuletzt eine Schlappe erlitten, eine zweite Chance, bringt erneut Andreas Widhölzl, Martin Höllwarth, Martin Koch und Stefan Horngacher zum Einsatz.

Goldi wirkt geknickt

"Für mich ist's halt traurig", sagt Goldberger, und er wirkt tatsächlich geknickt, wie er da im Österreich-Haus sitzt. Ansonsten werden hier die Sieger gefeiert und wird mit Sekt angestoßen, doch kaum jemand klopft Goldberger auf die Schulter, und klopft doch einer, dann meint er es aufmunternd. Salt Lake City sind die vierten Spiele für den Oberösterreicher, in Albertville 1992 hat er auch nur zugesehen, in Lillehammer holte er zweimal Bronze (120 m, Team), in Nagano den 22. Platz von der Normalschanze. Von - inklusive dem morgigen - elf möglichen olympischen Bewerben hat er also vier bestritten. "Es ist frustrierend."

Letzte Hoffnung Teambewerb

Er hofft, sich über eine Steigerung im Training noch für die Mannschaft zu qualifizieren, die Wahrscheinlichkeit indes ist gering, selbst Wolfgang Loitzl hat bessere Chancen. Die Krise ist für Goldberger kaum erklärbar. "Ich glaub' nicht, dass ich ein weiß Gott wie großes technisches Problem hab'. Mir kommt vor, ich bin einfach zu verkrampft, ich hab' einen Rückstand, den will ich mit der Brechstange wettmachen. Aber Lockerheit kann man nicht trainieren." Die Höhe von Park City, das 2000 Meter über dem Meer liegt, bereitet Goldberger Probleme, er fühle sich zwar fit, aber auch schwerfällig und nicht ganz wohl. Innauer ergänzt: "In der Höhe ist die Luft dünner, sind die Luftkräfte geringer. Und der Goldi ist normal einer, der viel mit diesen Kräften arbeitet." Goldberger: "Wenn die Luft kommt, spiel' ich ansonsten damit. Aber hier kommt die Luft nicht." Und deshalb spielt er nicht.

Unendliche Liste von Erfolgen

Goldberger war zweimal Tournee-Sieger, dreimal Weltcup-Gesamtsieger, Skiflug-Weltmeister, zweimal WM-Zweiter, viermal WM-Dritter. Er wäre der Erste gewesen, der weiter als 200 Meter flog, bloß griff er in den Schnee, und das tat er dann auch in Zivil noch einmal, anno 1997 war die Landung noch härter, die Aufregung größer. Doch Goldberger fing sich wieder, holte sich beispielsweise den Weltrekord im Skifliegen, der gehört heute noch ihm und steht bei 225 Metern.

Kein Rücktritt nach dieser Saison

Heuer, bald nach den Spielen, steigt in Harrachov eine Skiflug-WM, sie ist eine Hoffnung Goldbergers, der jedenfalls praktisch ausschließt, dass er nach dieser Saison seine Karriere beendet. "Wenn das wirklich so ist, dass ich hier nur zuschaue, dann kann ich das eigentlich nicht auf mir sitzen lassen. Am meisten ärgert mich, dass es genau dort nicht funktioniert, worauf ich hingearbeitet habe. Das ist es, was so weh tut."

Springer nicht in Topform<7b>

Innauer nennt es ein "Faktum", dass es nicht gelungen sei, die Springer in Topform nach Salt Lake City zu bringen. "Vielleicht werd' ich irgendwann wissen, warum das so ist. Jetzt weiß ich es nicht. Ich komm' zu der naiven Einschätzung, dass Skispringen eine komplexe Geschichte ist." Diese Geschichte wiederholt sich oft, sie kann sich aber auch sehr schnell ändern. Ein einziger guter Sprung bewirkt laut Innauer oft mehr als ein stundenlanges Gespräch. So gesehen ist eine Steigerung nicht ausgeschlossen, speziell Widhölzl hat sie im Training angedeutet.

"Olympia schon anders vorgestellt"

Bei Olympia, sagt Goldberger, geht es nur um Medaillen. Und ob einer jetzt Vierter oder Vierzigster wird, sei "im Prinzip völlig wurscht". Die Mannschaft ist Goldbergers letzte Chance, wichtiger aber sei, dass sie eine Medaille hole, mit ihm oder ohne ihn. "Ich hab' mir", sagt Andreas Goldberger, "Olympia schon anders vorgestellt." (fri, Printausgabe DerStandard, 13.02.2002)

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    Olympia ist für Andi Goldberger in weite Ferne gerückt

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